Manchmal drückt eine Bandscheibe auf eine Nervenwurzel. Dann schießt ein heftiger Schmerz ins Bein — Ärzte nennen das akute Radikulopathie, im Alltag heißt es Ischias. Dagegen kann eine Kortison-Spritze in den Wirbelkanal (epidurale Steroidinjektion) vorübergehend helfen. Der Effekt hält aber selten länger als wenige Wochen an. Und bei chronischen Rückenschmerzen ohne Nervenbeteiligung gibt es für fast alle Spritzenverfahren kaum oder gar keine Belege.
Eine randomisierte Studie von Karppinen et al. (2001) verglich Kortison-Spritzen mit Kochsalz-Spritzen direkt an der Nervenwurzel. Nach zwei Wochen schnitt Kortison besser ab. Nach drei bis sechs Monaten war dieser Vorteil verschwunden.
Noch aufschlussreicher ist eine Studie, die 2024 in JAMA Network Open erschien (Ashar et al.). Hier bekamen Patienten eine Placebo-Spritze — und alle wussten, dass nur Kochsalz darin war. Trotzdem gingen ihre chronischen Rückenschmerzen deutlich zurück. Spritzen wirken also zum Teil einfach deshalb, weil ein Arzt mit einer Nadel da ist und Patienten Besserung erwarten.
Was Patienten glauben — und was die Studien zeigen
Die verbreitete Annahme
„Eine Kortisonspritze direkt an die Stelle, wo es wehtut, muss doch gezielter helfen als eine Tablette.” So denken viele. Und viele Orthopäden, Schmerztherapeuten und Radiologen bieten solche Spritzen ganz selbstverständlich an. Der Eindruck entsteht schnell: Wer nach einer Spritze weniger Schmerzen hat, schreibt das der Spritze zu. Dass die Beschwerden auch von selbst abklingen, dass der Placebo-Effekt mitspielt oder dass gleichzeitig die Physiotherapie begonnen hat — daran denkt kaum jemand.
Was die Forschung zeigt: Kurzfristige Linderung, langfristig kaum Nutzen
In dieser randomisierten kontrollierten Studie erhielten Patienten mit akutem Ischias-Schmerz entweder Kortison oder Kochsalzlösung als periradikuläre Injektion — also direkt an die betroffene Nervenwurzel. Nach zwei Wochen berichteten Kortison-Patienten über eine deutlichere Schmerzreduktion. Nach drei Monaten war dieser Unterschied statistisch nicht mehr signifikant, nach sechs Monaten ebenfalls nicht. Das bedeutet: Der Körper erholt sich vom akuten Ischias häufig von selbst, und die Injektion beschleunigt diesen Prozess allenfalls kurzfristig.
Diese umfassende Evidenzsynthese untersuchte den Nutzen epiduraler Steroidinjektionen über verschiedene Schmerzindikationen. Das Fazit: Für die meisten Einsatzgebiete — darunter chronische lumbale Rückenschmerzen, Facettengelenk-Schmerzen und Stenose-bedingte Schmerzen — ist die Evidenzqualität begrenzt. Bestenfalls zeigt sich moderate kurzfristige Wirksamkeit. Für den Langzeiteinsatz bei chronischen Verläufen fehlt belastbare Evidenz.
Dies ist einer der methodisch stärksten Belege für die Placebo-Wirkung bei Rückeninjektionen. Patienten wurden in zwei Gruppen randomisiert: eine erhielt eine offene Placebo-Injektion (alle wussten, dass es Kochsalz war), die andere diente als Wartelisten-Kontrolle. Die Placebo-Gruppe berichtete eine signifikante Schmerzreduktion — obwohl kein Wirkstoff verabreicht wurde. Funktionelle Hirnscans zeigten zudem messbare neuronale Veränderungen in schmerzverarbeitenden Arealen. Das belegt: Ein erheblicher Teil des wahrgenommenen Nutzens von Wirbelsäuleninjektionen geht auf Erwartungseffekte zurück, nicht auf den Wirkstoff selbst.
Intradiskale Injektionen mit regenerativen Substanzen — darunter plättchenreiches Plasma (PRP, ein aus Eigenblut gewonnenes Konzentrat von Wachstumsfaktoren) und Stammzellen — werden zunehmend als moderne Alternative beworben. Diese Metaanalyse prüfte systematisch die Langzeitwirksamkeit: Das Ergebnis ist eindeutig negativ. Kein gesicherter Langzeitnutzen bei chronischen Rückenschmerzen. Die Autoren empfehlen, diese Verfahren außerhalb klinischer Studien nicht routinemäßig einzusetzen.
Wenn Injektionen bei Radikulopathie eingesetzt werden, stellt sich die technische Frage: Welcher Zugangsweg ist besser? Kaudal bedeutet, die Nadel wird am Steißbeinende des Kreuzbeins eingeführt. Transforaminal bedeutet, die Injektion erfolgt direkt am Nervenwurzel-Austritt. Dieser RCT verglich beide Methoden bei Patienten mit S1-Nervenwurzelkompression (einem der häufigsten Ischias-Muster). Ergebnis: Beide Techniken zeigten kurzfristig ähnliche Schmerzreduktion, keine war der anderen klar überlegen.
Warum glauben trotzdem so viele, dass es hilft?
Drei Gründe erklären, warum so viele Menschen Wirbelsäulen-Spritzen für hochwirksam halten:
Der Placebo-Effekt — und die Nadel verstärkt ihn. Eine Spritze wirkt überzeugender als eine Tablette. Der Körper reagiert auf die Erwartung, dass der Schmerz nachlässt. Im Gehirn passiert dabei tatsächlich etwas, das man messen kann. Genau das haben Ashar et al. (2024) mit Hirnscans sichtbar gemacht.
Der natürliche Verlauf und die „Rückkehr zur Mitte”. Rückenschmerzen heilen oft von allein ab. Ärzte nennen das Spontanremission. Zum Arzt gehen Patienten meist dann, wenn der Schmerz am schlimmsten ist. Danach wird es rein statistisch sowieso wahrscheinlich besser. Was nach einer Spritze passiert, wird dann der Spritze zugeschrieben — obwohl es auch ohne sie besser geworden wäre.
Geld im Gesundheitssystem. Für eine Spritze gibt es deutlich mehr Geld als für ein langes Beratungsgespräch oder eine Überweisung zur Physiotherapie. Das setzt Anreize, die nichts mit der wissenschaftlichen Datenlage zu tun haben.
Wann ist es doch sinnvoll?
Die Datenlage ist kritisch, aber man muss Spritzen nicht grundsätzlich ablehnen. In bestimmten Situationen sind sie vertretbar:
Akuter Ischias mit starkem Leidensdruck: Manchmal drückt ein Bandscheibenvorfall auf eine Nervenwurzel, und der Schmerz ist so stark, dass Schlafen, Gehen oder Sitzen kaum noch geht. Dann kann eine Kortison-Spritze in den Wirbelkanal die schlimmste Zeit überbrücken. Ziel ist, die Wochen bis zur Selbstheilung erträglicher zu machen. Das sollte der Arzt klar so sagen: Linderung über zwei bis vier Wochen, keine dauerhafte Heilung. Karppinen et al. (2001) belegen genau dieses Zeitfenster.
Wenn eine OP vermieden oder hinausgezögert werden soll: Bei schwerem Ischias, der eine Operation rechtfertigen würde, kann man mit einer Spritze versuchen, den Eingriff zu umgehen. Wenn die Zeit bis zur Selbstheilung damit überbrückt wird, bleibt dem Patienten die OP erspart.
Bei spinaler Stenose mit erheblicher Claudicatio: Bei einer spinalen Stenose ist der Wirbelkanal verengt. Betroffene können deshalb nur noch kurze Strecken gehen, bevor der Schmerz sie stoppt — das nennt man Claudicatio. Einige Leitlinien sehen Kortison-Spritzen hier als zeitlich begrenzte Option. Vor allem dann, wenn eine Operation nicht infrage kommt.
Nicht sinnvoll — oder nicht ausreichend belegt:
- Unspezifische chronische Rückenschmerzen, bei denen kein eingeklemmter Nerv nachweisbar ist
- Chronische Schmerzen an den kleinen Wirbelgelenken, den Facettengelenken (die Datenlage ist laut Kaye et al. 2015 begrenzt)
- Spritzen in die Bandscheibe mit PRP, Stammzellen oder Ozon außerhalb von Studien
- Wiederholte Spritzen, wenn schon die erste nicht nachweislich geholfen hat
Keine Spritze ersetzt Physiotherapie, wenn es um die längerfristige Behandlung geht. Bei chronischen Rückenschmerzen liegt das Problem oft nicht mehr im Rücken selbst: Das Gehirn verarbeitet die Schmerzreize verändert. Darauf hat Kortison keinen Einfluss.
Wenn ein Nerv an der Wirbelsäule eingeklemmt ist und der Schmerz ins Bein schießt, kann eine Kortison-Spritze in den Wirbelkanal helfen. Der Nutzen ist echt, aber kurz: Nach wenigen Wochen ist der Vorsprung gegenüber einer Spritze mit Salzwasser meist verschwunden, nach drei bis sechs Monaten ist kein Unterschied mehr messbar. Bei gewöhnlichen Rückenschmerzen ohne Nervenbeteiligung — also bei der Mehrheit — gibt es für fast alle Spritzenverfahren kaum oder gar keine Belege. Eine Spritze kann also über eine schlimme Phase hinweghelfen. Ein Weg aus chronischen Rückenschmerzen ist sie nicht.
Was Sie Ihren Arzt fragen sollten
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„Habe ich eine eingeklemmte Nervenwurzel, die im MRT oder bei der Untersuchung nachgewiesen wurde?” Spritzen helfen am ehesten, wenn es eine klare körperliche Ursache gibt. Bei unspezifischen Rückenschmerzen ohne Nervenbeteiligung gibt es keine belastbaren Belege für Spritzen.
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„Wie lange wird die Schmerzlinderung voraussichtlich anhalten?” Studien wie Karppinen et al. (2001) zeigen: Bei Ischias hält die Kortison-Wirkung oft nur zwei bis vier Wochen. Verspricht Ihr Arzt langfristige Linderung, fragen Sie nach, auf welche Studie er sich stützt.
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„Welche Nebenwirkungen kann die Injektion haben?” Bekannte Risiken sind Infektionen, Nervenschäden und Blutungen an der Einstichstelle. Wird häufiger gespritzt, kann das Kortison im ganzen Körper wirken: Der Blutzucker steigt, die Knochendichte nimmt ab, und der Körper drosselt die eigene Kortisol-Produktion.
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„Warum empfehlen Sie diese spezifische Injektionstechnik?” Laut Ozturk et al. (2023) sind die kaudale und die transforaminale Technik bei S1-Ischias gleichwertig. Wenn eine Methode als klar besser dargestellt wird, dürfen Sie nachhaken.
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„Gibt es Studien, die zeigen, dass diese Injektion bei meiner Diagnose langfristig besser wirkt als Physiotherapie oder abwartendes Beobachten?” Bei chronischen Rückenschmerzen ohne Nervenbeteiligung lautet die ehrliche Antwort: nein.
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„Handelt es sich um eine regenerative Injektion wie PRP oder Stammzellen?” Wenn ja: Beide Metaanalysen (Manchikanti et al. 2024, DI Martino et al. 2022) zeigen keinen gesicherten Langzeitnutzen. Außerhalb klinischer Studien sind diese Verfahren nicht durch Daten gedeckt.
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„Was passiert, wenn ich die Injektion nicht mache?” Bei akutem Ischias bessern sich 60–90 % der Fälle innerhalb von sechs bis zwölf Wochen von selbst. Diese Zahl ist wichtig für Ihre Entscheidung.