Bei einer PRP-Injektion wird dem Patienten Blut abgenommen. Daraus gewinnt man Plasma mit besonders vielen Blutplättchen und spritzt es ins Gelenk (PRP steht für Platelet-Rich Plasma, also thrombozytenreiches Plasma). Mehrere Übersichtsarbeiten — das sind Auswertungen, die viele Einzelstudien zusammenfassen — sehen dabei mittelgroße Vorteile gegenüber Hyaluronsäure und Kortisonpräparaten. Das gilt für den Knieschmerz und für die Beweglichkeit des Gelenks. Doch die bisher sauberste Studie mit Placebo-Vergleich (RESTORE, JAMA 2021, n=288) fand nach 12 Monaten keinen messbaren Unterschied zu einer einfachen Kochsalzspritze. Keine internationale Leitlinie empfiehlt PRP als Standardbehandlung. Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen die Behandlung in aller Regel nicht.
Was Patienten glauben — und was die Studien zeigen
Die verbreitete Annahme
„PRP ist ein natürliches Heilmittel aus meinem eigenen Blut — das kann nicht schaden und hilft dem Knorpel nachzuwachsen.” Diese Überzeugung treibt jedes Jahr Tausende Arthrosepatienten in orthopädische Praxen. Sie zahlen 200 bis 400 Euro pro Spritze aus eigener Tasche. Die Behandlung klingt biologisch einleuchtend und wird aktiv beworben. Die Datenlage ist jedoch komplizierter, als Praxisbroschüren vermuten lassen.
Was die Forschung zeigt: Ein Widerspruch zwischen Vergleichsstudien und Placebo-Kontrollen
Entscheidend ist, womit man PRP vergleicht. Studien, die PRP gegen Hyaluronsäure oder Kortison testen, zeigen häufig Vorteile für PRP. Studien, die PRP gegen Kochsalzlösung testen, zeichnen ein deutlich nüchterneres Bild. Kochsalzlösung ist ein echtes Scheinmedikament: Sie enthält keinen Wirkstoff.
Dies ist der methodisch härteste Test der PRP-Wirksamkeit bei Kniearthrose. 288 Patienten erhielten entweder zwei PRP-Injektionen oder zwei Injektionen mit Kochsalzlösung — weder Patient noch behandelnder Arzt wusste, wer was bekam. Nach 12 Monaten: kein signifikanter Unterschied beim Knieschmerz, kein Unterschied beim Knorpelvolumen im MRT. Der primäre Endpunkt wurde verfehlt. Das Ergebnis ist eindeutig: PRP ist in diesem hochwertigen Design nicht besser als Placebo.
Oeding und Kollegen untersuchten nicht nur die Ergebnisse positiver PRP-Studien, sondern deren statistische Robustheit. Der Fragility Index gibt an, wie viele Patienten in einer Studie ihr Ergebnis hätten ändern müssen, damit das Ergebnis nicht mehr statistisch signifikant wäre. Das Fazit: Viele häufig zitierte positive PRP-Studien weisen einen sehr niedrigen Fragility Index auf — das heißt, bereits 2 bis 3 abweichende Patienten würden ausreichen, um die Signifikanz zu kippen. Diese Fragilität relativiert die scheinbar klaren positiven Befunde aus kleineren Studien erheblich.
Bensa et al. zeigen, dass PRP-Injektionen im Durchschnitt zu klinisch signifikanten Verbesserungen führen — aber der entscheidende Befund ist ein anderer: Die Plättchenkonzentration im injizierten Präparat beeinflusst das Ergebnis wesentlich. Das bedeutet, dass „PRP” keine einheitliche Therapie ist. Je nach Zentrifugationsprotokoll und Labormethode unterscheiden sich die Präparate erheblich. Studien, die unterschiedliche PRP-Qualitäten mischen, vergleichen de facto verschiedene Substanzen — was die Heterogenität der Gesamtliteratur erklärt.
Jawanda et al. verglichen intraartikuläre Injektionen nach mindestens 6 Monaten und fanden, dass PRP, Hyaluronsäure und Knochenmarkaspirat-Konzentrat den Kortikosteroiden bei Schmerz und Funktion überlegen waren. Kortison zeigt zwar rasche Wirkung, verliert diese aber häufig nach 4–8 Wochen und kann bei wiederholter Anwendung den Knorpel schädigen. PRP und Hyaluronsäure sind damit zumindest als langfristige Alternative zur wiederholten Kortisongabe eine ernsthafte Option — sofern der Vergleich nicht Placebo heißt.
Warum glauben trotzdem so viele, dass es hilft?
Dafür, dass die verbreitete Überzeugung und die Studienlage so weit auseinanderliegen, gibt es mehrere Gründe. Erstens ist der Placebo-Effekt bei Gelenkspritzen ausgesprochen stark. Schon das Ritual der Spritze, die Erwartung und die Zuwendung des Arztes können Schmerzen um 20–30 % lindern. Zweitens verläuft Kniearthrose in Schüben, der Schmerz schwankt also von selbst. Wer dann eine Spritze bekommt, erlebt oft eine Besserung — die sich auch ohne Behandlung eingestellt hätte. Fachleute nennen das Regression zur Mitte. Drittens ist PRP wirtschaftlich attraktiv: Es wird als IGeL angeboten, also als individuelle Gesundheitsleistung, die der Patient selbst zahlt. Praxen, die PRP anbieten, verdienen daran und haben ein Interesse daran, die Methode positiv darzustellen. Keine der sieben hier genannten Studien wurde von orthopädischen Praxen finanziert — aber in sozialen Medien und Praxisbroschüren wird erheblich für PRP geworben.
Wann ist es doch sinnvoll?
Was wir bisher wissen, reicht nicht aus, um PRP grundsätzlich abzulehnen. Für bestimmte Patientengruppen ist eine informierte Entscheidung für PRP vertretbar — aber nur, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind:
Wenn die Standardbehandlungen mindestens 3 Monate lang nicht geholfen haben — also Physiotherapie, Gewichtsabnahme und entzündungshemmende Schmerzmittel (NSAR) — und nichts dagegenspricht, dann ist ein Versuch mit PRP vertretbar. Das gilt bei leichter bis mittelschwerer Kniearthrose (Kellgren-Lawrence Grad I–III; damit teilen Ärzte auf dem Röntgenbild ein, wie weit die Arthrose fortgeschritten ist). Voraussetzung: Sie werden klar darüber aufgeklärt, wie unsicher die Datenlage ist, und Sie zahlen selbst.
Wenn eine fortgeschrittene Arthrose vorliegt (Grad IV, der Knorpel ist vollständig abgerieben), dann ist PRP nicht sinnvoll. In dieser Situation fehlt schlicht das Gewebe, auf das die Wachstumsfaktoren wirken könnten. Hier ist die Beratung zur Knieprothese das Vorgehen, das durch Studien gut gestützt ist.
Wenn ein Patient Kortison nicht verträgt oder bereits mehrfach Kortison bekommen hat, sodass eine weitere Gabe den Knorpel schädigen würde, dann ist PRP nach aktueller Datenlage die besser begründbare Alternative — zumindest für Schmerz und Beweglichkeit über längere Zeiträume (Jawanda et al. 2024).
Wenn eine aktive Infektion vorliegt, die Blutgerinnung gestört ist, eine Thrombozytopenie besteht (zu wenige Blutplättchen) oder Medikamente eingenommen werden, die das Immunsystem unterdrücken, dann darf PRP nicht gegeben werden.
Eines bleibt festzuhalten: PRP ersetzt keine Knieprothese bei fortgeschrittener Arthrose. Es lässt keinen Knorpel nachwachsen — das ist nicht belegt. Und es ist kein Standardverfahren. Es ist ein experimenteller Ansatz: Der biologische Mechanismus dahinter ist einleuchtend, die Ergebnisse aus der Praxis widersprechen sich.
Bei der Eigenbluttherapie am Knie wird ein Bestandteil des eigenen Blutes ins Gelenk gespritzt. Mehrere Auswertungen sahen dabei Vorteile gegenüber anderen Spritzen. Die Studie, die am sorgfältigsten gemacht wurde, spricht dagegen: 288 Menschen, ein Teil bekam die Behandlung, der andere nur Salzwasser, und nach einem Jahr war zwischen beiden Gruppen kein Unterschied zu finden. Wenn die beste Untersuchung als einzige nichts findet, ist das ein Warnzeichen — meist liegt es daran, dass die schwächeren Studien Fehlerquellen hatten. Keine internationale Leitlinie empfiehlt die Behandlung, und die Kasse zahlt sie in aller Regel nicht.
Was Sie Ihren Arzt fragen sollten
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„Welche Plättchenkonzentration wird in Ihrem PRP-Präparat erreicht, und welches Protokoll verwenden Sie?” Bensa et al. (2025) zeigen, dass die Plättchenkonzentration das Ergebnis stark beeinflusst. Wer diese Frage nicht beantworten kann, arbeitet mit einem Produkt, das keinem festen Standard folgt.
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„Ist PRP in Ihrem Verfahren besser als Placebo — oder nur besser als Hyaluronsäure?” Der RESTORE-RCT fand keinen Unterschied zu Kochsalzlösung (JAMA 2021, n=288). RCT bedeutet: Die Patienten wurden per Zufall auf die Behandlungsgruppen verteilt. Behandlungen, die im Vergleich mit einem Scheinmedikament keinen Vorteil zeigen, darf man nicht als gesichert wirksam bezeichnen.
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„Welche Therapien habe ich bereits versucht, und warum kommt PRP jetzt an die Reihe?” Physiotherapie, Gewichtsabnahme und entzündungshemmende Medikamente kommen zuerst — ihre Wirkung ist gut belegt. Über PRP sollte man erst sprechen, wenn diese nicht geholfen haben.
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„Wie schwer ist meine Arthrose nach Kellgren-Lawrence, und ist PRP für diesen Schweregrad geeignet?” Bei Grad IV lässt sich PRP nicht begründen. Die Antwort auf diese Frage sollte auf einem aktuellen Röntgenbild beruhen.
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„Warum übernimmt die Krankenkasse die Kosten nicht, und was sagen aktuelle Leitlinien dazu?” Keine internationale Fachgesellschaft — weder die AWMF noch NICE, OARSI oder AAOS — empfiehlt PRP als Routinetherapie. Das ist ein klares Signal der wissenschaftlichen Gemeinschaft.