Die SELECT-Studie ist die bisher größte Studie zu Semaglutid und Herzgesundheit. Die Teilnehmer wurden dabei per Zufall auf zwei Gruppen verteilt. 2023 lieferte diese Studie eine klare Antwort: Bei übergewichtigen oder stark übergewichtigen Menschen ohne Diabetes, die bereits eine Herzerkrankung haben, senkt Semaglutid das Risiko für schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse um 20 Prozent. Die Dosis war 2,4 mg pro Woche, der Handelsname ist Wegovy. Das ist ein bedeutsames und statistisch stabiles Ergebnis aus einer Studie mit über 17.000 Patienten.
Was die Schlagzeilen aber oft verschweigen: Dieser Herzschutz gilt nur für eine sehr bestimmte Gruppe. Gemeint sind Menschen, die schon eine Herzerkrankung haben — also einen Herzinfarkt, einen Schlaganfall oder eine Durchblutungsstörung der Beinarterien in der Vorgeschichte. Für Menschen ohne solche Vorerkrankungen fehlt der direkte Beweis. Das gilt auch für Diabetiker, die eigene Studien haben, und für Menschen, die Semaglutid nur zum Abnehmen nehmen. Neuere Meta-Analysen aus den Jahren 2024 bis 2025 bestätigen das Ergebnis der SELECT-Studie. Sie deuten außerdem darauf hin, dass der Schutz nicht allein von der Gewichtsabnahme kommt.
Was Patienten glauben — und was die Studien zeigen
Die verbreitete Annahme
Semaglutid ist in den letzten Jahren enorm bekannt geworden. Es wird unter zwei Handelsnamen verkauft: Ozempic bei Typ-2-Diabetes und Wegovy bei starkem Übergewicht. Prominente berichten von dramatischen Gewichtsabnahmen, in Apotheken wird das Mittel knapp, und in sozialen Netzwerken kursieren Berichte über das „Wundermittel”. Die verbreitete Vorstellung lautet: Semaglutid schützt das Herz — und zwar bei jedem, der es einnimmt.
Diese Annahme ist verständlich, aber zu einfach. Die Wirklichkeit ist genauer: Der Schutz fürs Herz ist belegt, aber nicht für alle. Er gilt für eine klar festgelegte Patientengruppe unter klar festgelegten Bedingungen.
Was die Forschung zeigt: Die SELECT-Studie im Detail
Die SELECT-Studie (Semaglutide Effects on Cardiovascular Outcomes in People with Overweight or Obesity) ist die Grundlage aller Diskussionen. Eingeschlossen wurden ausschließlich Erwachsene mit Body-Mass-Index ≥ 27 kg/m², ohne Diabetes, aber mit vorbestehender arteriosklerotischer Herzerkrankung (Herzinfarkt, Schlaganfall oder periphere arterielle Verschlusskrankheit). Semaglutid 2,4 mg wöchentlich subkutan versus Placebo.
Das Ergebnis: Schwere kardiovaskuläre Ereignisse (MACE: Herzinfarkt, Schlaganfall, kardiovaskulärer Tod) traten bei 6,5 % der Semaglutid-Gruppe auf, gegenüber 8,0 % in der Placebogruppe (Hazard Ratio 0,80; 95 %-Konfidenzintervall 0,72–0,90; p < 0,001). Das entspricht einer relativen Risikoreduktion von 20 % — absolut gesehen wurden pro 100 behandelter Patienten über etwa 3 Jahre 1,5 schwere Herzereignisse verhindert.
Wichtig für die Einordnung: Die Studie war ausschließlich auf Menschen mit vorbestehender Herzerkrankung ausgelegt. Sie erlaubt keine Rückschlüsse auf Menschen ohne kardiovaskuläre Vorerkrankung.
Eine präspezifizierte Subgruppenanalyse der SELECT-Studie untersuchte Patienten mit vorbestehender Herzinsuffizienz mit erhaltener Ejektionsfraktion (HFpEF — eine Form der Herzinsuffizienz, bei der das Herz noch normal pumpt, aber steif ist). Semaglutid verbesserte in dieser Gruppe nicht nur kardiovaskuläre Endpunkte, sondern auch Symptome, körperliche Belastbarkeit und Lebensqualität signifikant. Das ist bemerkenswert, da HFpEF bisher kaum wirksame medikamentöse Therapien kannte.
Was die Forschung zeigt: Meta-Analysen bestätigen und erweitern den Befund
Diese aktualisierte Meta-Analyse fasst alle randomisierten Studien zu Semaglutid bei Patienten mit hohem kardiovaskulärem Risiko zusammen. Das Ergebnis bestätigt die SELECT-Daten: Semaglutid reduziert MACE, kardiovaskuläre Mortalität und nicht-tödliche Herzinfarkte signifikant. Ein interessanter Befund: Der Effekt auf Schlaganfall allein war statistisch nicht signifikant — ein Hinweis darauf, dass der Herzschutz primär über Koronarereignisse vermittelt wird.
Diese umfassende Meta-Analyse analysierte RCTs sowohl bei Diabetikern als auch bei Nicht-Diabetikern. Semaglutid reduzierte das MACE-Risiko um 18 % (RR 0,82; 95 % KI 0,76–0,88). Bemerkenswert: Der Effekt unterschied sich nicht signifikant zwischen Diabetikern und Nicht-Diabetikern — ein Hinweis darauf, dass der Herzschutz nicht primär über die Blutzuckersenkung vermittelt wird.
Diese JACC-Meta-Analyse konzentrierte sich ausschließlich auf Nicht-Diabetiker und untersuchte die Frage: Ist der kardiovaskuläre Effekt von GLP-1-Rezeptoragonisten (zu denen Semaglutid gehört) ein direkter Herzeffekt — oder nur eine Folge der Gewichtsabnahme? Das Ergebnis ist aufschlussreich: Der MACE-Effekt blieb auch nach statistischer Adjustierung für die Gewichtsabnahme signifikant. Das deutet auf einen eigenständigen kardialen Mechanismus hin — möglicherweise über entzündungshemmende Wirkungen, Blutdrucksenkung oder direkte Effekte auf das Herzgewebe.
Diese Meta-Analyse verglich GLP-1-Rezeptoragonisten (als Klasse) mit Placebo bei übergewichtigen Nicht-Diabetikern und fand eine signifikante Reduktion aller kardiovaskulären Ereignisse. Semaglutid zeigte dabei den stärksten Effekt innerhalb der Wirkstoffklasse.
Wie wirkt Semaglutid auf das Herz — und warum ist das noch nicht vollständig verstanden?
Semaglutid gehört zu den GLP-1-Rezeptoragonisten. GLP-1 steht für Glucagon-like Peptide-1, ein körpereigenes Darmhormon, das nach dem Essen ausgeschüttet wird. Semaglutid dockt an die passenden Empfangsstellen für dieses Hormon an — in der Bauchspeicheldrüse, im Gehirn, im Herzen und in den Blutgefäßen. Zuerst wurde das Mittel bei Typ-2-Diabetes zugelassen. Der Grund: Semaglutid regt die Insulinausschüttung an, bremst das Hormon Glukagon und verlangsamt die Magenentleerung. Dadurch fühlt man sich satt und nimmt ab.
Wie genau das Mittel dem Herzen hilft, ist noch nicht ganz geklärt. Diskutiert werden mehrere Wege:
Gewichtsabnahme: Übergewicht erhöht bekanntermaßen das Herzrisiko. In der SELECT-Studie verloren die Teilnehmer im Schnitt etwa 9,4 % ihres Körpergewichts. Ein Teil des Herzschutzes kommt sicher daher.
Blutdrucksenkung: Semaglutid senkt den oberen Blutdruckwert im Schnitt um 3–5 mmHg. Das allein ist schon ein Vorteil fürs Herz.
Entzündungshemmung: In Ablagerungen an den Gefäßwänden sitzen Makrophagen, also bestimmte Immunzellen. Diese tragen GLP-1-Empfangsstellen. Daten aus Tierversuchen und aus der Klinik deuten darauf hin, dass Semaglutid Entzündungen dämpft. Dadurch könnten die Ablagerungen stabiler werden.
Direkter Herzeffekt: GLP-1-Empfangsstellen sitzen auch im Herzmuskel. Ob Semaglutid direkt auf den Herzmuskel wirkt, wird gerade erforscht. Die Meta-Analyse von Galli aus 2025 deutet darauf hin, dass sich der Herzschutz nicht vollständig durch die Gewichtsabnahme erklären lässt.
Herzfrequenzanstieg als Kehrseite: Semaglutid erhöht den Puls im Schnitt um 2–4 Schläge pro Minute. Theoretisch könnte das schaden. In den Studien hat sich daraus aber kein Nachteil gezeigt.
Wahrscheinlich wirken diese Mechanismen zusammen. Das erklärt vermutlich, warum der Herzschutz über die reine Gewichtsabnahme hinausgeht — und warum er möglicherweise stärker ist als bei anderen Methoden zum Abnehmen.
Warum glauben trotzdem so viele, dass es für alle hilft?
Der Herzschutz durch Semaglutid ist real. In der öffentlichen Wahrnehmung wird er aber so verallgemeinert, wie es die Studiendaten nicht hergeben. Dazu tragen mehrere Dinge bei:
Marketing und Medienpräsenz: Semaglutid ist eines der kommerziell erfolgreichsten Medikamente der Geschichte. Der Hersteller Novo Nordisk hat viel Geld darin investiert, die SELECT-Ergebnisse bekannt zu machen. Medienberichte verkürzen das oft auf „Ozempic schützt das Herz”. Die entscheidende Einschränkung fehlt dann: „bei Menschen mit vorbestehender Herzerkrankung”.
Übertragung von Diabetiker-Studien: Frühere Studien namens SUSTAIN-6 und PIONEER-6 hatten bei Typ-2-Diabetikern bereits Vorteile fürs Herz gezeigt. Die Übertragung auf Nicht-Diabetiker klingt logisch. Aber SELECT ist die erste Studie, die diesen Effekt bei Nicht-Diabetikern direkt belegt.
Gewichtsabnahme als Ersatzmaßstab: Übergewicht ist ein Herzrisikofaktor. Deshalb wirkt es naheliegend, dass jede Gewichtsabnahme das Herz schützt. Die Studiendaten zeigen aber: Der Herzschutz durch Semaglutid geht über die reine Gewichtsabnahme hinaus. Das heißt, andere Methoden zum Abnehmen haben nicht automatisch denselben Effekt.
Manche Menschen nehmen Semaglutid nur zum Abnehmen und haben keine Herzerkrankung. Für sie gibt es bislang keine Daten aus randomisierten Studien zum Herzschutz. Das bedeutet nicht, dass es keinen Effekt gibt. Es bedeutet nur: Er ist nicht belegt.
Einen verwandten Artikel zur Evidenzlage bei einem anderen kardiovaskulären Medikament finden Sie unter Statine bei erhöhtem Cholesterin: Wann wirklich nötig?.
Was die SELECT-Studie nicht beantwortet
So stabil die SELECT-Daten sind — wichtige Fragen bleiben offen:
Langzeitdaten über 4 Jahre fehlen. Die Teilnehmer wurden im Mittel knapp 40 Monate lang beobachtet. Ob der Herzschutz über Jahrzehnte anhält, weiß niemand. Bei Statinen gibt es Daten über 20 Jahre — bei Semaglutid nicht.
Keine Daten für die Vorbeugung eines ersten Ereignisses. Die SELECT-Studie nahm nur Patienten auf, die bereits eine Herzerkrankung hatten. Wer Semaglutid nehmen möchte, um einem ersten Herzinfarkt vorzubeugen, findet dazu keine randomisierten Daten. Die laufende SURMOUNT-MMO-Studie zum Wirkstoff Tirzepatid und ähnliche Studien werden diese Lücke in den nächsten Jahren schließen.
Absetzen und Rückkehr des Gewichts. In der SELECT-Studie nahmen die Teilnehmer das Mittel durchgehend ein. Was nach dem Absetzen passiert, wurde nicht systematisch untersucht. Bekannt ist: Gewicht und Blutzucker kehren nach dem Absetzen in der Regel zurück. Ob das Herzrisiko ebenfalls wieder steigt, ist offen.
Kosten und Verfügbarkeit. Wegovy kostet in Deutschland über 300 Euro pro Monat, wenn die Kasse nicht zahlt. Die gesetzlichen Krankenkassen erstatten es derzeit nicht routinemäßig — auch dann nicht, wenn eine Herzerkrankung vorliegt. Der G-BA (Gemeinsamer Bundesausschuss) prüft gerade den Nutzen. Für viele Patienten, die das Mittel am dringendsten bräuchten, ist es damit praktisch nicht erhältlich.
Lieferengpässe. Die Nachfrage ist riesig, vor allem zum Abnehmen. Deshalb ist das Mittel in Deutschland und weltweit knapp. Davon sind auch Patienten betroffen, bei denen ein klarer medizinischer Grund vorliegt.
Wann ist es doch sinnvoll?
Die Studienlage erlaubt konkrete Wenn-Dann-Aussagen:
Klare Indikation (Evidenzgrad A): Semaglutid 2,4 mg wöchentlich (Wegovy) ist fürs Herz belegt bei übergewichtigen oder stark übergewichtigen Erwachsenen mit einem BMI ≥ 27 kg/m². Voraussetzung: kein Typ-2-Diabetes, aber eine bestehende Herzerkrankung durch Gefäßverkalkung — also Herzinfarkt, Schlaganfall oder eine Durchblutungsstörung der Beinarterien. In dieser Gruppe ist der Herzschutz durch eine große randomisierte Studie und mehrere Meta-Analysen belegt.
Zusatznutzen bei Herzschwäche: Manche Patienten haben eine Herzschwäche, bei der das Herz zwar noch normal pumpt, aber steif geworden ist (HFpEF). Haben diese Patienten zusätzlich Übergewicht, verbessert Semaglutid ihre Beschwerden und ihre Lebensqualität. In diesem Bereich gibt es bislang nur wenige wirksame Behandlungen.
Typ-2-Diabetes: Für Diabetiker gelten eigene Studien: SUSTAIN-6, PIONEER-6 und die SOUL-Studie. Semaglutid ist auch hier fürs Herz belegt, aber in einem anderen Zusammenhang.
Nicht belegt (fehlende Daten, nicht fehlender Effekt): Manche Menschen haben keine Herzerkrankung und nehmen Semaglutid zum Abnehmen. Für sie fehlen randomisierte Daten zum Herzschutz. Laufende Studien wie SURMOUNT-MMO werden diese Frage in den nächsten Jahren beantworten.
Wichtig: Die Zulassung von Wegovy zur Senkung des Herzrisikos durch die FDA (2024) und die EMA bezieht sich ausdrücklich auf die Teilnehmer der SELECT-Studie — nicht auf alle Übergewichtigen.
Semaglutid ist als Abnehmspritze bekannt. Eine große Studie mit über 17.000 Menschen hat untersucht, ob es auch das Herz schützt, und dabei etwas gefunden: Bei den Teilnehmern sank das Risiko für schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse um etwa ein Fünftel. Entscheidend ist aber, wer diese Teilnehmer waren. Es ging ausschließlich um Menschen mit deutlichem Übergewicht, die bereits eine Herzerkrankung hatten und keinen Diabetes. Nur für diese Gruppe ist der Herzschutz belegt. Wer schlank ist, wer keine Herzkrankheit hat oder wer das Mittel allein zum Abnehmen nimmt, kann aus dieser Studie nichts für sich ableiten.
Was Sie Ihren Arzt fragen sollten
- „Habe ich eine vorbestehende Herzerkrankung, die mich zur SELECT-Studienpopulation macht?” Das Mittel ist fürs Herz nur dann zugelassen, wenn ein Herzinfarkt, ein Schlaganfall oder eine Durchblutungsstörung der Beinarterien dokumentiert ist — ein allgemein erhöhtes Herzrisiko reicht nicht.
- „Welches Semaglutid-Präparat ist für mich zugelassen — Ozempic oder Wegovy?” Ozempic (0,5–2 mg) ist für Typ-2-Diabetes zugelassen. Wegovy (2,4 mg) ist für starkes Übergewicht mit bestehender Herzerkrankung zugelassen. Dosierung und Zulassung unterscheiden sich also.
- „Wie hoch ist mein absolutes Herzrisiko — und wie viel bringt Semaglutid konkret?” Die Senkung um 20 % klingt eindrucksvoll, ist aber ein relativer Wert. Für Ihre persönliche Entscheidung zählt eher die absolute Zahl: 1,5 verhinderte Ereignisse pro 100 Patienten über 3 Jahre.
- „Welche Nebenwirkungen muss ich realistisch einplanen?” Übelkeit, Erbrechen und Durchfall treten bei 30–40 % der Patienten auf. Besonders häufig ist das, während die Dosis langsam gesteigert wird. Seltener, aber wichtig: Bauchspeicheldrüsenentzündung, Probleme mit der Gallenblase, schnellerer Puls.
- „Muss ich Semaglutid dauerhaft einnehmen, um den Herzschutz zu behalten?” Die SELECT-Studie lief knapp 4 Jahre. Was nach dem Absetzen passiert, ist nicht belegt. Bekannt ist: Gewicht und Herz-Kreislauf-Risiko kehren nach dem Absetzen in der Regel zurück.
- „Gibt es für mich günstigere oder besser belegte Alternativen?” Bei einer Verengung der Herzkranzgefäße sind Statine, ACE-Hemmer und Betablocker seit Jahrzehnten durch Studien abgesichert. Semaglutid ist eine Ergänzung, kein Ersatz für diese Behandlungen.