Der SPRINT-Trial bewies 2015 mit 9.361 Patienten: Wer den systolischen Blutdruck auf unter 120 mmHg senkt, erleidet 25 % weniger Herzinfarkte, Schlaganfälle und Herzinsuffizienzen – und stirbt 27 % seltener an allen Ursachen. Doch dieselbe Studie zeigte, dass dieser Vorteil seinen Preis hat: Ohnmachten, gefährlich niedrige Blutdruckwerte und akute Nierenschäden traten häufiger auf. Neuere Analysen aus dem Jahr 2025 bestätigen: Es gibt keinen universellen Zielwert. Ob der tiefere Wert nützt oder schadet, hängt vom individuellen Patientenprofil ab.
Was Patienten glauben — und was die Studien zeigen
Die verbreitete Annahme
Viele Patienten mit Bluthochdruck (Hypertonie) hören von ihrem Arzt: „Wir wollen den Blutdruck unter 140 mmHg bringen.” Das klingt nach einem klaren Ziel. Was viele nicht wissen: Dieser Grenzwert wurde jahrelang als ausreichend angesehen – obwohl neuere Studien zeigen, dass ein deutlich niedrigerer Zielwert das Herzinfarkt- und Sterberisiko weiter senken kann. Gleichzeitig glauben manche Patienten, ein möglichst niedriger Blutdruck sei immer besser. Auch das stimmt nicht.
Was die Forschung zeigt: Tiefer hilft – aber nicht für alle gleich
Der SPRINT-Trial randomisierte Patienten mit erhöhtem kardiovaskulärem Risiko (aber ohne Diabetes und ohne Schlaganfall in der Vorgeschichte) entweder zu einem systolischen Blutdruckziel unter 120 mmHg oder unter 140 mmHg. Das Ergebnis war so deutlich, dass die Studie vorzeitig abgebrochen wurde: Die intensive Gruppe hatte 25 % weniger schwerwiegende kardiovaskuläre Ereignisse und 27 % weniger Todesfälle jeder Ursache. Erkauft wurde dieser Vorteil mit mehr Hypotonie (zu niedrigem Blutdruck), mehr Synkopen (kurzfristigen Bewusstlosigkeiten) und häufigeren akuten Nierenfunktionsverschlechterungen in der intensiv behandelten Gruppe.
Nach Ende der randomisierten Behandlungsphase des SPRINT-Trials näherten sich die Blutdruckwerte beider Gruppen an – und mit ihnen schwächte sich der kardiovaskuläre Vorteil der intensiv behandelten Gruppe ab. Das ist eine wichtige Erkenntnis: Der Schutz durch intensive Blutdrucksenkung scheint kein dauerhaftes „Erbe” zu sein, das nach Jahren weiterbesteht. Er ist an die kontinuierliche Behandlung geknüpft. Wer die Medikamente absetzt oder die Kontrolle lockert, verliert den Vorteil.
Diese 2025 im Lancet veröffentlichte Analyse individueller Patientendaten (IPD, englisch: individual patient data) aus mehreren großen Studien ist die bisher differenzierteste Auswertung zum Thema. Das Ergebnis: Intensive Blutdrucksenkung reduziert kardiovaskuläre Ereignisse zuverlässig – erhöht aber gleichzeitig das Risiko für akute Nierenschäden und andere schwerwiegende Nebenwirkungen. Entscheidend ist: Der Nettonutzen variiert erheblich je nach individuellem Patientenprofil. Wer ein hohes kardiovaskuläres Risiko und eine gute Nierenfunktion hat, profitiert stärker. Wer bereits eingeschränkt nierengesund oder sturzgefährdet ist, trägt ein höheres Schadensrisiko.
Diese systematische Übersichtsarbeit bestätigt den generellen Trend: Niedrigere systolische Zielwerte – also unter 120–130 mmHg – senken kardiovaskuläre Ereignisse und Sterblichkeit. Wichtig ist jedoch eine Einschränkung, die oft übersehen wird: Der marginale Nutzen nimmt ab, je tiefer der Ausgangsdruck liegt. Das bedeutet, die größten Gewinner einer intensivierten Behandlung sind Patienten mit deutlich erhöhten Ausgangswerten. Bei Patienten, die bereits nahe am Zielbereich sind, fällt der zusätzliche Vorteil geringer aus – während die Risiken für Nebenwirkungen bestehen bleiben.
Der Sonderfall Diabetes: Eine jahrelange Kontroverse
Für Patienten mit Typ-2-Diabetes galt lange eine andere Evidenzlage. Das ACCORD-Trial aus dem Jahr 2010 hatte bei 4.733 Diabetikern keinen signifikanten kardiovaskulären Vorteil einer Senkung auf unter 120 mmHg gezeigt – bei gleichzeitig mehr Nebenwirkungen. Das führte dazu, dass Leitlinien für Diabetiker weniger aggressive Zielwerte empfahlen.
Das ACCORD-Trial teilte Typ-2-Diabetiker in eine Gruppe mit systolischem Ziel unter 120 mmHg und eine mit Ziel unter 140 mmHg auf. Der primäre Endpunkt – eine Kombination aus Herzinfarkt, Schlaganfall und kardiovaskulärem Tod – unterschied sich zwischen den Gruppen nicht signifikant. Schlaganfälle traten in der intensiven Gruppe seltener auf, aber Hypotonie und andere Nebenwirkungen häufiger. Dieses Ergebnis wurde lange als Beleg dafür gewertet, dass Diabetiker von intensiver Blutdrucksenkung nicht profitieren.
Das chinesische BPROAD-Trial widerlegt das ACCORD-Ergebnis mit einer mehr als doppelt so großen Stichprobe. Bei 12.821 Typ-2-Diabetikern reduzierte ein systolischer Zielwert unter 120 mmHg schwerwiegende kardiovaskuläre Ereignisse signifikant gegenüber einem Zielwert unter 140 mmHg. Das ist ein direkter Widerspruch zu ACCORD – und verschiebt die Evidenzlage. Warum die Ergebnisse divergieren, ist noch nicht vollständig geklärt. Mögliche Faktoren: unterschiedliche Patientenpopulationen, bessere Begleittherapien im jüngeren Trial und höhere statistische Power durch mehr Teilnehmer.
Warum glauben trotzdem viele, dass ein Wert unter 140 mmHg ausreicht?
Zwei Jahrzehnte lang galten 140 mmHg als akzeptiertes Ziel – das prägt Gewohnheiten von Ärzten und Patienten. Hinzu kommt: Die Messung des Blutdrucks ist fehleranfälliger als oft angenommen. Im SPRINT-Trial wurde eine automatisierte Messung ohne Arztanwesenheit verwendet (AOBP, automated office blood pressure), was tendenziell niedrigere Werte liefert als die klassische Arztmessung. Das macht direkte Vergleiche mit Studien, die andere Messmethoden verwenden, schwierig. Manche Experten argumentieren, dass der SPRINT-Wert von „unter 120 mmHg” in der Praxis einem herkömmlich gemessenen Wert von etwa 130–135 mmHg entsprechen könnte – was die Diskrepanz zu älteren Leitlinien teilweise erklärt.
Wann ist ein intensiveres Blutdruckziel sinnvoll?
Die Evidenz erlaubt klare Wenn-Dann-Aussagen:
Wenn Sie ein hohes kardiovaskuläres Risiko haben und kein Diabetes vorliegt: Ein systolisches Ziel unter 120–130 mmHg ist durch SPRINT mit 9.361 Patienten gut belegt. Der Vorteil überwiegt bei Menschen, die bereits einen Herzinfarkt hatten, an Nierenerkrankungen leiden oder ein hohes Framingham-Risiko (ein Risikorechner für Herzerkrankungen) aufweisen.
Wenn Sie Typ-2-Diabetes haben: Das BPROAD-Trial (2025) zeigt erstmals überzeugend, dass auch Diabetiker von einem Zielwert unter 120 mmHg profitieren. Das alte ACCORD-Ergebnis, das dagegen sprach, wird durch die größere und neuere Studie erheblich relativiert. Besprechen Sie mit Ihrem Arzt, ob das neue BPROAD-Ergebnis Ihren persönlichen Behandlungsplan beeinflusst.
Wenn Sie zwischen 60 und 80 Jahre alt sind:
Das STEP-Trial untersuchte gezielt ältere hypertensive Patienten zwischen 60 und 80 Jahren in China. Ein systolischer Zielwert von 110–130 mmHg senkte kardiovaskuläre Ereignisse gegenüber 130–150 mmHg signifikant – und das ohne relevante Zunahme schwerwiegender unerwünschter Ereignisse wie Stürze oder Nierenschäden. Das ist ein wichtiger Befund, denn Ältere wurden lange pauschal von aggressiven Zielwerten ausgenommen. Bei über 80-Jährigen oder Gebrechlichen ist die Evidenz weiterhin dünn; hier überwiegt oft die Sturzgefahr.
Wenn Sie bereits Hypotonie-Symptome unter der aktuellen Therapie haben – also Schwindel beim Aufstehen (orthostatische Hypotonie), häufige Müdigkeit oder Benommenheit: Ein Zielwert unter 120 mmHg ist dann kontraindiziert, unabhängig vom kardiovaskulären Risikoprofil. Mehr Medikamente bei vorhandenen Verträglichkeitsproblemen zu verordnen, ist durch keine Studie gedeckt.
Wenn Sie eine fortgeschrittene Nierenerkrankung haben: Die Guo-et-al.-Analyse aus dem Lancet (2025) zeigt klar, dass Nierenschäden in der intensiv behandelten Gruppe häufiger auftreten. Bei eingeschränkter Nierenfunktion (glomeruläre Filtrationsrate unter 45 ml/min/1,73 m²) ist besondere Vorsicht geboten.
Was Sie Ihren Arzt fragen sollten
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„Was ist mein aktueller Zielwert – und mit welcher Messmethode wird er bestimmt?” Die SPRINT-Ergebnisse basieren auf einer automatisierten Messung ohne Arztanwesenheit, die systematisch niedrigere Werte liefert. Wenn Ihr Arzt eine Standardmessung durchführt, kann der vergleichbare Zielwert höher liegen.
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„Was bedeutet ein Zielwert unter 120 mmHg konkret für meine Medikamentenanzahl?” Im SPRINT-Trial nahmen Patienten in der intensiven Gruppe durchschnittlich ein Medikament mehr. Mehr Medikamente bedeuten mehr Wechselwirkungen, mehr Kosten und mehr Nebenwirkungsrisiko.
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„Bin ich als Diabetiker nach dem neuen BPROAD-Trial von 2025 anders zu behandeln als bisher?” Das BPROAD-Trial mit über 12.000 Patienten zeigt, dass auch Diabetiker von einem Ziel unter 120 mmHg profitieren können. Fragen Sie, ob Ihr Behandlungsplan diesen neueren Befund berücksichtigt.
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„Welche Nebenwirkungen soll ich konkret beobachten und wann soll ich mich melden?” Hypotonie, Schwindel beim Aufstehen und Benommenheit sind häufige Zeichen einer zu starken Senkung. Klären Sie vorab, ab wann und wie Sie Ihren Arzt informieren sollen.
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„Ab welchem Alter oder welcher Gebrechlichkeit ist ein weniger aggressives Ziel sinnvoller?” Das STEP-Trial zeigt Vorteile bis 80 Jahre. Für Hochbetagte oder Sturzgefährdete fehlen belastbare Daten; fragen Sie, wie Ihr Arzt das in Ihrem Fall einschätzt.
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„Was passiert mit meinem Blutdruckschutz, wenn ich die Medikamente einmal nicht nehme oder absetze?” Der SPRINT-Langzeitbericht zeigt, dass der Vorteil an die kontinuierliche Behandlung gebunden ist. Unregelmäßige Einnahme schwächt den Schutz ab – das ist wichtig für die Adhärenz (regelmäßige Medikamenteneinnahme).
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„Gibt es randomisierte Studien, die zeigen, dass mein persönlicher Zielwert besser ist als ein weniger aggressiver?” Behandlungsziele sollten durch Evidenz gestützt sein – nicht durch Faustregeln. Fragen Sie nach dem konkreten Studienbeleg für Ihren individuellen Zielwert.