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Glaukom-Früherkennung: IGeL-Leistung sinnvoll oder nicht?

Glaukom-Früherkennung: IGeL-Leistung sinnvoll oder nicht?

Veröffentlicht am 7. Mai 2026 · Aktualisiert am 5. September 2026

Eine einzelne Augendruckmessung erkennt ein Glaukom nicht zuverlässig. Sie kann ein Offenwinkelglaukom übersehen. Sie kann aber auch einen erhöhten Druck finden, obwohl der Sehnerv noch gar nicht geschädigt ist. Deshalb ist nicht ausreichend belegt, ob eine solche Untersuchung bei allen beschwerdefreien Erwachsenen mehr nützt als schadet.

Das heißt nicht, dass ein Besuch beim Augenarzt überflüssig wäre. Höheres Alter, ein Glaukom in der Familie oder auffällige Befunde können ein guter Grund sein, die eigene Situation prüfen zu lassen. Wichtig ist dann eine vollständige Untersuchung mit einer klaren Fragestellung. Der Kauf eines einzelnen Messwerts reicht nicht.

Was Patienten glauben — und was die Studien zeigen

Die verbreitete Annahme: Ein normaler Augeninnendruck bedeutet Entwarnung

Der Grüne Star, medizinisch Glaukom genannt, schädigt den Sehnerv. Dieser Schaden kann langsam größer werden, lange bevor Betroffene im Alltag etwas merken. Deshalb klingt Vorsorge erst einmal sehr sinnvoll. Viele Menschen denken: Wer regelmäßig den Augeninnendruck messen lässt, entdeckt ein Glaukom rechtzeitig. Dieser Schluss geht jedoch zu weit.

Der Augeninnendruck ist wichtig. Er ist aber nicht die Krankheit selbst. Manche Menschen haben ein Offenwinkelglaukom, obwohl ihr Druck nicht erhöht ist. Umgekehrt bekommt nicht jeder Mensch mit erhöhtem Druck einen Schaden am Sehnerv. Ein einzelner normaler Wert ist deshalb keine umfassende Entwarnung. Ein einzelner hoher Wert ist noch keine Diagnose.

Was im Auge geschieht — und warum der Druck nur ein Teil der Antwort ist

Beim Offenwinkelglaukom wird der Sehnerv nach und nach geschädigt. Der Sehnerv leitet die Informationen vom Auge zum Gehirn. Nervenfasern, die verloren gehen, wachsen nicht wieder nach. Meist zeigt sich zuerst ein Verlust im Gesichtsfeld. Das Gesichtsfeld ist alles, was Sie sehen, ohne die Augen zu bewegen. Die Sehschärfe kann dabei lange gut bleiben. Wie schnell das passiert, ist von Mensch zu Mensch sehr verschieden.

Der Augeninnendruck kann diese Entwicklung beeinflussen. Für die Diagnose reicht er aber nicht aus, und er muss auch nicht erhöht sein. Deshalb schaut sich die Augenarztpraxis mehrere Dinge zusammen an: den Sehnerv, die Nervenfaserschicht, das Gesichtsfeld und den Druck. Die Frage lautet nicht nur: „Wie hoch ist der Wert heute?“ Sondern: „Passen die Befunde zusammen und deuten sie auf einen fortschreitenden Schaden am Sehnerv hin?“

Chou et al. (2022) — Evidenzübersicht zu Glaukom-Screeningtests
Systematische Evidenzübersicht · JAMA · 83 Studien mit 75.887 Teilnehmenden

Die Übersicht fasste Diagnosestudien und Behandlungsstudien zusammen. Für die Messung des Augeninnendrucks allein lag die zusammengefasste Empfindlichkeit bei 0,48. Das bedeutet: Ein beträchtlicher Teil der Glaukome würde mit diesem Einzeltest übersehen. Die OCT-Nervenfaserschichtmessung und ein standardisierter Gesichtsfeldtest hatten in den eingeschlossenen Studien bessere diagnostische Eigenschaften. Das belegt jedoch zunächst die Testgüte — nicht, dass ein allgemeines Screening später Sehbehinderung verhindert.

Was die beste Evidenz über allgemeines Screening sagt

Die US-amerikanische Präventionskommission hat sich Erwachsene ab 40 Jahren angeschaut, die keine Beschwerden haben. Ihr Ergebnis ist nüchtern: Die Daten reichen nicht aus, um Nutzen und Schäden einer allgemeinen Untersuchung gegeneinander abzuwägen. Das ist kein Urteil „unnötig“. Es ist aber auch kein Urteil „nützlich“. Es bedeutet nur: Die entscheidende Frage ist nicht überzeugend beantwortet. Diese Frage lautet, ob eine breit angebotene Untersuchung dazu führt, dass Menschen besser sehen, im Alltag besser zurechtkommen oder zufriedener leben.

Die dazugehörige Übersicht über die Studien fand nur eine einzige Studie zu einer mehrteiligen Untersuchung. Teilgenommen hatten gebrechliche ältere Menschen. Nach einem Jahr waren die Sehwerte und die Lebensqualität rund ums Sehen genauso wie in der Vergleichsgruppe ohne Untersuchung. In der untersuchten Gruppe stürzten die Menschen jedoch häufiger. Warum das so war, ist nicht sicher geklärt. Diese Studie beantwortet nicht jede Frage zur deutschen IGeL. Sie zeigt aber: Ein einleuchtender Test und eine behandelbare Krankheit belegen noch nicht, dass ein Programm für alle wirklich nützt.

US Preventive Services Task Force (2022) — Empfehlung zur Früherkennung
Evidenzbasierte Präventionsempfehlung · JAMA · asymptomatische Erwachsene ab 40 Jahren

Die Kommission bewertete die Evidenz zum Screening auf primäres Offenwinkelglaukom bei Menschen ohne Beschwerden. Ihr Ergebnis war ein sogenanntes I-Statement: Es gibt nicht genügend Daten, um das Verhältnis von Nutzen und Schaden zu beurteilen. Dies ist keine deutsche Erstattungsentscheidung. Es ist eine fachliche Aussage über eine Lücke in der wissenschaftlichen Evidenz für allgemeines Screening.

OCT und Gesichtsfeld: Nützliche Bausteine, aber kein Einzelurteil

Die optische Kohärenztomographie, kurz OCT, macht sehr genaue Bilder von der Netzhaut und der Nervenfaserschicht. So lassen sich Veränderungen erkennen, die bei einer einfachen Untersuchung noch nicht auffallen. Eine Meta-Analyse zu OCT-Geräten zeigt: Die Messung der Nervenfaserschicht erkennt Erkrankte und Gesunde gut. Trotzdem wird aus einem guten Test nicht automatisch ein sicheres Urteil für eine einzelne Person.

Warum nicht? Es kommt auch darauf an, mit wem man vergleicht, wie eindeutig ein Befund ist und ob sich Veränderungen bei späteren Kontrollen bestätigen. Bei einer gezielten Abklärung kann ein OCT sehr wertvoll sein. Es ersetzt aber nicht die ärztliche Einschätzung. Und es beweist auch nicht, dass eine Untersuchung ohne Beschwerden bei vielen Menschen mehr nützt als schadet.

Kansal et al. (2018) — Meta-Analyse zur OCT-Diagnostik
Meta-Analyse · PLOS ONE · 150 Studien mit über 27.000 Augen

Die Analyse verglich unterschiedliche OCT-Messungen. Messungen der Nervenfaserschicht und bestimmter Makulabereiche hatten eine höhere diagnostische Genauigkeit als die gesamte Makuladicke. Das spricht für OCT als wichtigen Baustein. Die Arbeit vergleicht jedoch Diagnosestudien; sie zeigt nicht, dass ein OCT-IGeL bei allen symptomfreien Menschen Erblindung verhindert.

Warum eine IGeL trotzdem überzeugend klingt

Ein Glaukom kann lange ohne Beschwerden verlaufen. Ein Messwert, den man schnell bekommt, verspricht Kontrolle und Sicherheit. Dazu kommt: Druck, Bilder und Gesichtsfeld lassen sich technisch gut erklären. All das kann den Eindruck erwecken, mehr Testen sei immer besser.

Dass der Nutzen einer allgemeinen Untersuchung nicht belegt ist, heißt aber nicht, dass sie „nur Geldmacherei“ ist. Entscheidend ist, was Ihnen konkret angeboten wird: eine einzelne Druckmessung, eine umfassende augenärztliche Beurteilung oder eine Kontrolle, nachdem ein Befund auffällig war. Diese drei Situationen haben unterschiedliche Ziele. Und die Studienlage dazu ist ebenfalls unterschiedlich. Eine gute Beratung spricht diese Unterschiede offen an. Sie erklärt außerdem, was ein auffälliger oder unauffälliger Befund gerade nicht beweist.

Was bekannt ist, wenn ein Glaukom bereits bestätigt wurde

Zur Behandlung eines bestätigten Offenwinkelglaukoms gibt es bessere Daten als zur allgemeinen Früherkennung. Im Early Manifest Glaucoma Trial gab es eine Vergleichsgruppe ohne Behandlung. Dort schritt die Erkrankung unterschiedlich schnell voran. Nach sechs Jahren war sie aber bei 68 Prozent der Teilnehmenden messbar fortgeschritten. Diese Zahl gilt für Menschen, bei denen ein Glaukom schon festgestellt wurde. Sie gilt nicht für die Bevölkerung allgemein.

Eine Behandlung kann den Druck senken. Sie kann auch Messwerte wie das Gesichtsfeld und den Zustand des Sehnervs verändern. Ob alle Betroffenen dadurch spürbar besser leben, ist weniger gut belegt. Genau dieser Unterschied schützt vor zwei falschen Schlüssen. Erstens: Fehlende Belege für eine Früherkennung machen eine bestätigte Erkrankung nicht harmlos. Zweitens: Eine wirksame Behandlung bestätigter Fälle beweist nicht automatisch, dass eine IGeL-Untersuchung für alle nützt.

Wann ist es doch sinnvoll?

Wenn bei Ihnen schon ein Glaukom bekannt ist, der Sehnerv auffällig aussieht, der Druck erhöht ist oder ein Gesichtsfeld- oder OCT-Befund auffällig war, geht es nicht mehr um eine allgemeine Früherkennung. Dann soll eine augenärztliche Abklärung klären, was dahintersteckt: ein bestätigtes Glaukom, eine okuläre Hypertension oder eine andere Ursache. Okuläre Hypertension bedeutet: Der Augeninnendruck ist erhöht, ein Schaden am Sehnerv lässt sich aber nicht nachweisen. Außerdem soll geklärt werden, wie der weitere Verlauf kontrolliert wird.

Wenn es in Ihrer Familie Glaukome gibt, Sie älter werden oder weitere persönliche Risikofaktoren haben, sprechen Sie Ihre Situation in der Augenarztpraxis an. Bei diesen Merkmalen ist das Risiko höher. Aus den vorhandenen Studien lässt sich aber kein Zeitabstand ableiten, der für alle gilt. Es gibt auch keinen einzelnen Test, der für all diese Menschen nachweislich am meisten bringt.

Wenn Ihnen eine IGeL angeboten wird, fragen Sie genau nach: Wird nur der Druck gemessen? Oder werden auch Sehnerv, Nervenfaserschicht und Gesichtsfeld beurteilt? Fragen Sie außerdem, was ein unauffälliger Befund ausschließt. Und fragen Sie, was ein auffälliger Befund für Sie bedeuten würde. So wird aus einer Kaufentscheidung eine medizinische Entscheidung.

Wenn die Diagnose bestätigt ist und eine Behandlung nötig wird, stehen zwei Wege zur Wahl: Augentropfen, die den Druck senken, oder eine Laserbehandlung. Die LiGHT-Studie hat beide Wege verglichen. Teilgenommen haben Menschen, bei denen gerade eine okuläre Hypertension oder ein offenes Glaukom festgestellt worden war. In dieser Lage kann die selektive Lasertrabekuloplastik den Druck stabil halten, ohne dass man Tropfen braucht. Das ist eine ambulante Laserbehandlung am Abfluss des Kammerwassers. Ein Argument für eine Früherkennung bei allen Menschen ist sie nicht.

Gazzard et al. (2019) — Laser oder Tropfen nach bestätigtem Befund
Pragmatisches Multizenter-RCT · Health Technology Assessment · 718 neu diagnostizierte Personen

Die Studie verglich eine Laserstrategie mit Tropfen bei behandelbarer okulärer Hypertension oder offenem Glaukom. Nach drei Jahren war die allgemeine Lebensqualität ähnlich. In der Lasergruppe lagen 93 Prozent der Kontrollen im Zielbereich des Drucks; 74,2 Prozent hatten über mindestens drei Jahre eine stabile Kontrolle ohne Tropfen. Die Ergebnisse betreffen die Behandlung nach Diagnose, nicht die Frage, ob eine IGeL bei allen Menschen ohne Beschwerden notwendig ist.

Wenn Sie plötzlich starke Augenschmerzen haben, ein Auge rot wird, Ihr Sehen schnell schlechter wird oder Ihnen übel ist oder der Kopf wehtut und Sie dabei Sehstörungen haben, warten Sie nicht auf einen Vorsorgetermin. Solche Beschwerden können auf andere akute Augenprobleme hinweisen. Sie müssen rasch ärztlich abgeklärt werden.

Der Augeninnendruck ist wie ein Hinweislicht, nicht wie ein endgültiger Glaukom-Test. Ein normaler Wert kann ein Glaukom nicht sicher ausschließen, und ein hoher Wert bedeutet nicht automatisch einen Sehnervenschaden. Darum ist eine einzelne Messung als Vorsorge nur begrenzt aussagekräftig. Wenn es Hinweise auf ein Risiko oder einen auffälligen Befund gibt, kann eine gründliche augenärztliche Untersuchung sinnvoll sein. Ob eine Vorsorge für alle Menschen ohne Beschwerden am Ende mehr hilft als schadet, ist bisher nicht klar belegt.

Was Sie Ihren Arzt fragen sollten

  • „Für wen ist die Glaukom-Früherkennung beim Augenarzt besonders sinnvoll?“ Diese Frage lenkt weg von einer pauschalen Kaufentscheidung. Sie lenkt hin zu Ihrer Familiengeschichte, Ihrem Alter und zu Befunden, die bei Ihnen auffällig waren. Für eine Früherkennung bei allen Menschen ist nicht ausreichend belegt, dass der Nutzen die Schäden überwiegt.

  • „Warum übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung die Glaukomvorsorge nicht?“ Die Antwort sollte nicht nur erklären, wer was bezahlt. Sie sollte auch sagen, welcher Test in der IGeL steckt und was die Studien über seinen Nutzen zeigen. Die Abrechnung in Deutschland und die internationale Studienlage sind zwei verschiedene Dinge.

  • „Reicht eine Augendruckmessung allein aus, um ein Glaukom sicher zu erkennen oder auszuschließen?“ Nein. Die Übersicht über die Studien zeigt: Die Druckmessung allein übersieht viele Erkrankte. Fragen Sie deshalb, welche weiteren Befunde in die Diagnose einfließen.

  • „Wie häufig sollte ich als Risikopatient zur Glaukomkontrolle gehen, und was kostet das?“ Aus den hier geprüften Studien lässt sich kein Zeitabstand ableiten, der für alle passt. Die Praxis sollte Ihnen begründen können, warum sie gerade bei Ihnen diesen Abstand und diese Untersuchung vorschlägt. Und sie sollte sagen, welche Kosten auf Sie zukommen.

  • „Was passiert, wenn ein Glaukom nicht rechtzeitig erkannt wird – wie schnell schreitet es voran?“ Bei einem bestätigten Glaukom ist das Tempo sehr unterschiedlich. Diese Frage hilft Ihnen, einen Befund nicht zu verharmlosen. Sie hilft Ihnen aber auch, nicht von einem Durchschnitt auf Ihr persönliches Tempo zu schließen.

  • „Welche Untersuchungen gehören zu einer sinnvollen Glaukom-Früherkennung?“ So erfahren Sie, ob Ihnen nur ein Messwert angeboten wird. Oder ob eine ärztliche Gesamtbeurteilung geplant ist, die Sehnerv, Nervenfaserschicht und Gesichtsfeld einbezieht.

  • „Ist die OCT (optische Kohärenztomographie) für die Glaukom-Früherkennung sinnvoll?“ Ein OCT kann ein wertvoller Baustein sein. Die Frage klärt aber auch, was ein einzelner OCT-Befund in Ihrer Situation überhaupt aussagt. Und sie klärt, ob eine spätere Kontrolle nötig wäre.

Quellen

  1. US Preventive Services Task Force · JAMA 2022
    Für ein allgemeines Screening auf primäres Offenwinkelglaukom bei asymptomatischen Erwachsenen reicht die Evidenz nicht aus, um Nutzen und Schäden gegeneinander abzuwägen.
  2. Chou R et al. · JAMA 2022
    Die Evidenzübersicht fand für Tonometrie allein eine niedrige Empfindlichkeit; OCT und Gesichtsfeldtestung können ergänzen, beweisen aber keinen allgemeinen Screeningnutzen.
  3. Heijl A et al. · Ophthalmology 2009
    In der unbehandelten Vergleichsgruppe des EMGT war nach sechs Jahren bei 68 Prozent ein Fortschreiten messbar; die Geschwindigkeit unterschied sich jedoch stark zwischen Personen und Glaukomformen.
  4. Gazzard G et al. · Health Technology Assessment 2019
    Bei neu diagnostizierter okulärer Hypertension oder offenem Glaukom bot die selektive Lasertrabekuloplastik über drei Jahre häufig eine stabile Druckkontrolle ohne Tropfen und war der Tropfentherapie bei Lebensqualität nicht überlegen oder unterlegen.
  5. Rolim-de-Moura C et al. · Cochrane Database of Systematic Reviews 2022
    Die Cochrane-Übersicht zeigt für bestätigtes Offenwinkelglaukom oder okuläre Hypertension mögliche Vorteile der Lasertrabekuloplastik gegenüber Tropfen, aber mit heterogener und teils verzerrungsanfälliger Evidenz.
  6. Kansal V et al. · PLOS ONE 2018
    OCT-Untersuchungen der Nervenfaserschicht und bestimmter Makulabereiche erreichen gute diagnostische Genauigkeit; sie sind ein Baustein der Diagnostik, nicht alleiniger Beweis für Screeningnutzen.

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THEMA: Glaukom-Früherkennung: IGeL-Leistung sinnvoll oder nicht?

Du bist medizinischer Wissenschaftsjournalist für eine unabhängige, werbefreie
Plattform. Du verkaufst nichts, hast keinen Interessenkonflikt und gibst
ausschließlich wieder, was die Evidenz hergibt — nicht mehr, nicht weniger. Du
bist extrem kritisch: Wenn ein Verfahren in randomisierten Studien nicht besser
wirkt als Placebo, schreibst du das ohne Abschwächung und ohne diplomatisches
Weichspülen. Wie ein kluger Arzt, der seinem Patienten die Wahrheit sagt, auch
wenn sie unbequem ist.

Schreibe einen evidenzbasierten Patientenartikel auf Deutsch, in der Sie-Form,
zum Thema: **Glaukom-Früherkennung: IGeL-Leistung sinnvoll oder nicht?**

Schreibe so, dass eine kluge sechzehnjährige Person den ganzen Text versteht. Das
ist keine Vereinfachung des Inhalts, sondern der Sprache. Im Fließtext steht die
Aussage, nicht die Studie: Statt „Im XY-Trial lagen die Ereignisse um 25 %
niedriger" schreibst du, was das für den Patienten bedeutet. Fallzahlen und
Studiendesign gehören in die Quellenangabe, nicht in den laufenden Text. Ausnahme:
Wenn die Qualität der Evidenz selbst die Nachricht ist — „die längste Untersuchung
dazu hat sieben Menschen über vier Jahre begleitet" —, gehört das hinein.

Gliedere den Artikel in drei Abschnitte:

(1) Eine Kernaussage von höchstens 200 Wörtern — eine einzige klare Aussage zur
Evidenzlage, Hauptaussage zuerst, Nuancen danach.

(2) „Was Patienten glauben — und was die Studien zeigen". Beginne mit der
häufigsten Patientenannahme, konkret formuliert, und stelle ihr die beste
verfügbare Evidenz gegenüber. Darin musst du beantworten: Wie funktioniert das im
Körper — was passiert bei dieser Erkrankung, und was soll die Behandlung daran
ändern? Was zeigt die Evidenz, und wie belastbar ist sie? Für wen gilt das, für wen
nicht — und bei welchen Warnzeichen muss jemand zum Arzt? Warum hält sich die
Fehlvorstellung trotzdem (Placebo, Regression zur Mitte, Überinterpretation von
Bildbefunden, finanzielle Anreize)?

(3) „Wann ist es doch sinnvoll?" — die Ausnahmen, als klare Wenn-Dann-Aussagen,
nicht als vages „in manchen Fällen". Unterscheide Notfall, dringend und planbar.

(4) „Was Sie Ihren Arzt fragen sollten" — fünf bis sieben konkrete Fragen, jede
mit einer kurzen Erklärung, warum sie wichtig ist.

Zu jeder tragenden Studie klärst du vier Punkte, bevor du schreibst: Wer wurde
untersucht (Alter, Vorerkrankungen, Risikoprofil)? Was wurde verglichen — gegen
Placebo, gegen Standardtherapie, gegen nichts? Wie lange wurde beobachtet, und wie
viele sind vorzeitig ausgeschieden? Welche Einschränkung verändert die
Übertragbarkeit? Steht einer dieser Punkte weder im Abstract noch im Volltext,
behauptest du ihn nicht. Bei Studien zu Operationen, intensiver Therapie oder
Prävention prüfst du zusätzlich unerwünschte Ereignisse und Abbruchraten.

Quellenrangfolge: Cochrane-Reviews vor aktuellen Leitlinien, vor
Netzwerk-Metaanalysen, vor Metaanalysen, vor einzelnen randomisierten Studien, vor
Kohortenstudien. Keine Blogs, keine Zeitungsartikel, keine Wikipedia. Gib zu jeder
Quelle die DOI an und prüfe sie: Öffne doi.org und vergleiche Titel, Journal und
Jahr. Berücksichtige ausdrücklich auch Arbeiten, die deiner Kernaussage
widersprechen — widersprechen sich zwei Metaanalysen, stellst du beide dar und
erklärst, woran der Unterschied liegt.

Wo eine Arbeit frei zugänglich ist, lies den Volltext und nicht nur das Abstract.
Dort stehen Fallzahlen pro Gruppe, Verblindung, Abbrecherquote, die Einschränkungen
der Autoren und die Finanzierung. Beurteile die Qualität selbst: Eine Studie mit 32
Teilnehmern ohne Kontrollgruppe ist etwas anderes als eine mit 17.000. Was die
Autoren selbst einschränken, gehört dorthin, wo du das Ergebnis nennst.

Belege jede Zahl. Schlage sie in der Quelle nach, statt dich zu erinnern — auch die
zweite eines Zahlenpaares. Prüfe, was direkt neben deiner Fundstelle steht: Ein
„außer" oder „jedoch" im Nachsatz kann die Aussage kippen. Verwende keine Angaben,
die weder im Abstract noch im Volltext stehen, auch wenn du sie zu wissen glaubst.

Stil: direkt, kritisch, respektvoll — nie herablassend, nie alarmistisch, nie
verharmlosend. Kurze Sätze für Schlüsselbefunde. Jeden Fachbegriff beim ersten
Auftreten in Klammern erklären. Absolute Zahlen statt nur relativer: „1,5 von 100
Patienten in drei Jahren" sagt mehr als „20 % Risikosenkung". Klar unterscheiden
zwischen „belegt", „unklar" und „widerlegt". Wie sicher etwas ist, ist selbst eine
Information: „Eine kleine Studie deutet an" und „drei große Studien zeigen
übereinstimmend" dürfen nie gleich klingen. Interessenkonflikte benennen, wo
relevant.

Verboten: Marketingsprache („revolutionär", „bahnbrechend", „Durchbruch"),
unbelegte Statistiken, Absolutismen ohne Evidenz („hilft immer", „wirkt nie"),
Empfehlungen ohne Studienbeleg, Verharmlosung von Risiken, Verteufelung von
Behandlungen, die in bestimmten Situationen belegt sind. Keine Floskeln wie „Es ist
wichtig zu beachten", „Zusammenfassend lässt sich sagen", „In der heutigen Zeit".

Kein Artikel darf jemanden dazu bringen, ein nötiges Medikament abzusetzen, einen
Arztbesuch aufzuschieben oder ein Warnzeichen zu übersehen. Das ist die einzige
Stelle, an der Ausführlichkeit immer vor Kürze geht.

Prüfe vor der Ausgabe: Ist jede medizinische Behauptung mit einer Quelle belegt?
Sind mindestens drei randomisierte Studien oder Metaanalysen vollständig zitiert?
Sind alle Fachbegriffe erklärt? Enthält der Artikel die kritische Bewertung *und*
die berechtigten Ausnahmen? Würde ein Facharzt sagen: „Das ist fair dargestellt"?
Würde ein Patient sagen: „Jetzt verstehe ich meine Optionen"?