Für die Allgemeinbevölkerung ohne Risikofaktoren ist der Nutzen einer routinemäßigen Glaukom-Früherkennung als IGeL-Leistung nicht belegt — Falsch-positive Befunde und Überdiagnosen können den Nutzen überwiegen. Für Personen mit Risikofaktoren wie Familienanamnese, erhöhtem Augeninnendruck oder fortgeschrittenem Alter hingegen ist eine gezielte Früherkennung durch belastbare Studien gerechtfertigt: Unbehandeltes Glaukom schreitet nachweislich voran und kann zur irreversiblen Erblindung führen.
Was Patienten glauben — und was die Studien zeigen
Die verbreitete Annahme
Viele Patienten gehen davon aus, dass eine regelmäßige Augendruckmessung beim Augenarzt ausreiche, um ein Glaukom (Grüner Star) zuverlässig früh zu erkennen — und dass diese Vorsorge für jeden sinnvoll sei, unabhängig vom persönlichen Risiko. Entsprechend ist die Augendruckmessung eine der meistverkauften IGeL-Leistungen (Individuelle Gesundheitsleistungen — Selbstzahlerleistungen, die nicht von der GKV erstattet werden) in deutschen Augenarztpraxen. Die Realität ist differenzierter.
Was die Forschung zeigt: Screening ohne Risikostratifizierung hat keinen belegten Bevölkerungsnutzen
Das Glaukom ist eine chronische Erkrankung des Sehnervs, die durch erhöhten Augeninnendruck (intraokularer Druck, kurz IOD) und/oder mangelnde Durchblutung des Sehnervs entsteht und zu irreversiblem Sehverlust führt. Das tückische: In frühen Stadien verursacht das Glaukom keine Symptome. Bis zu 50 % der Betroffenen in westlichen Ländern wissen nichts von ihrer Erkrankung. Dieser Umstand verführt dazu, ein breites Screening für alle zu fordern.
Das Problem: Ein allgemeines Bevölkerungsscreening auf Glaukom ist wissenschaftlich nicht ausreichend belegt. Große Screening-Studien zeigen, dass die Rate an falsch-positiven Befunden (also Menschen, die als krank eingestuft werden, obwohl sie gesund sind) bei einer einzelnen Augendruckmessung erheblich ist. Die Prävalenz des Glaukoms in der Allgemeinbevölkerung unter 60 Jahren liegt bei etwa 1–2 %, was bedeutet, dass bei einem niedrig-spezifischen Test sehr viele Gesunde unnötig beunruhigt und weiteruntersucht werden.
Der Early Manifest Glaucoma Trial (EMGT) ist eine der wichtigsten Studien zur Frage, was passiert, wenn ein Glaukom nicht behandelt wird. Die Forschenden beobachteten 255 Patienten mit frühem Offenwinkelglaukom (die häufigste Glaukomform), von denen ein Teil zunächst keine Behandlung erhielt. Ergebnis: Bei der Mehrheit der unbehandelten Patienten schritt das Glaukom im Beobachtungszeitraum nachweislich voran. Die Studie liefert damit den zentralen Beleg, dass eine Frühbehandlung die Progression verlangsamt — und indirekt, dass eine frühe Erkennung bei bereits Erkrankten therapeutisch sinnvoll ist. Sie belegt jedoch nicht den Nutzen eines allgemeinen Bevölkerungsscreenings bei symptomlosen Niedrigrisikopersonen.
Die entscheidende Schwäche: Augendruckmessung allein reicht nicht
Ein weit verbreitetes Missverständnis ist, dass erhöhter Augeninnendruck gleichbedeutend mit Glaukom sei — und normaler Druck Glaukom ausschließe. Beides ist falsch. Etwa 30–40 % aller Glaukome verlaufen bei normalem Augendruck (sogenanntes Normaldruckglaukom). Umgekehrt haben viele Menschen dauerhaft erhöhte Augendruckwerte, ohne jemals ein Glaukom zu entwickeln (okuläre Hypertension, d.h. erhöhter Augeninnendruck ohne Nervenschaden).
Diese systematische Übersichtsarbeit untersuchte die diagnostische Genauigkeit der optischen Kohärenztomographie (OCT — ein bildgebendes Verfahren, das die Dicke der Nervenfaserschicht am Auge misst) für die Glaukomdetektion. OCT zeigte eine gute diagnostische Genauigkeit, übertraf aber nicht alle klassischen klinischen Tests und reichte allein nicht zur sicheren Diagnosestellung aus. Das bedeutet: Auch modernste Einzeltechnologie kann den Grünen Star nicht mit hinreichender Sicherheit diagnostizieren oder ausschließen. Erst die Kombination mehrerer Methoden — Augendruckmessung, Papillenbeurteilung (Betrachtung des Sehnervkopfes), OCT und Gesichtsfeldprüfung — liefert verlässliche Ergebnisse.
Bowd und Kollegen zeigten bereits 2001, dass die Kombination aus Nervenfaserschichtdickenmessung und Gesichtsfeldtestung (Perimetrie — Prüfung des Gesichtsfeldes) die Früherkennung des Glaukoms gegenüber Einzelmethoden erheblich verbessert. Diese Erkenntnis unterstreicht, warum eine isolierte Augendruckmessung — wie sie häufig als günstige IGeL-Leistung angeboten wird — für eine zuverlässige Früherkennung unzureichend ist. Wer ernsthaft nach Glaukom sucht, braucht eine multimodale Untersuchung.
Warum glauben trotzdem so viele, dass die Augendruckmessung ausreicht?
Mehrere Faktoren erklären dieses Missverständnis:
Historisches Erbe: Jahrzehntelang galt der Augeninnendruck als das zentrale Kriterium für das Glaukom. Erst neuere Studien haben gezeigt, dass Normaldruckglaukome mindestens genauso häufig sind wie Hochdruckglaukome. Ältere Aufklärungsmaterialien und gelegentlich noch ältere Ärzte kommunizieren dieses veraltete Bild.
Finanzielle Anreize: Die Augendruckmessung ist technisch einfach, dauert wenige Sekunden und lässt sich als IGeL-Leistung ohne großen Aufwand abrechnen. Für eine Praxis, die pro Minute denkt, ist sie attraktiv — für die Diagnose allein jedoch unzureichend.
Placebo der Zahl: Patienten empfinden einen konkreten Messwert — „Ihr Druck ist 16 mmHg, das ist normal” — als beruhigend und aussagekräftig. Dass dieser Wert ein Glaukom weder sicher ausschließt noch bestätigt, geht dabei oft unter.
Regression zur Mitte: Viele Patienten, die nach einem erhöhten Druckwert erneut gemessen werden, zeigen beim nächsten Termin normale Werte — schlicht weil Augendruckmessungen natürlichen Schwankungen unterliegen. Das erweckt den Eindruck von Behandlungserfolg, auch wenn keine Behandlung stattfand.
Wann ist es doch sinnvoll?
Die oben genannte Kritik am allgemeinen Bevölkerungsscreening bedeutet nicht, dass Glaukom-Früherkennung grundsätzlich unnötig ist. Für definierte Risikogruppen ist sie durch Studien gut begründet.
Wenn eine erstgradige Familienanamnese vorliegt: Das Risiko, ein Glaukom zu entwickeln, ist bei Geschwistern oder Kindern von Glaukom-Patienten etwa vier- bis neunfach erhöht. Hier ist eine regelmäßige, vollständige Augenuntersuchung ab dem 40. Lebensjahr klinisch sinnvoll.
Wenn erhöhter Augeninnendruck bekannt ist (okuläre Hypertension): Der LiGHT-RCT (Gazzard et al. 2019) zeigte, dass bei Personen mit neu diagnostizierter okulärer Hypertension oder frühem Glaukom eine frühzeitige Behandlung — ob durch Tropfen oder Lasertrabekuloplastik — den Krankheitsverlauf günstig beeinflusst.
Die LiGHT-Studie verglich bei 718 Patienten mit neu diagnostizierter okulärer Hypertension oder frühem Offenwinkelglaukom die selektive Lasertrabekuloplastik (SLT — eine Laserbehandlung des Kammerwinkels) mit der Standard-Tropfentherapie. Die Laserbehandlung war nicht unterlegen, verursachte weniger Nebenwirkungen und war kosteneffizienter. Das Kernbotschaft für die Prüfung der Früherkennung: Wer früh erkannt wird, hat heute ausgezeichnete, gut verträgliche Behandlungsoptionen. Früherkennung bei Risikopatienten hat damit einen klaren therapeutischen Wert.
Dieser Cochrane-Review fasste die Evidenz zur Lasertrabekuloplastik zusammen und bestätigte deren Wirksamkeit zur Augendrucksenkung bei Offenwinkelglaukom und okulärer Hypertension. Die Review untermauert, dass der Augeninnendruck — wenn er bei einer Risikoperson entdeckt wird — ein klinisch relevanter Behandlungsangriffspunkt ist. Damit schließt sich der Kreis: Wer zur Risikogruppe gehört und früh erkannt wird, profitiert nachweislich von der Behandlung.
Wenn ein Lebensalter über 60 Jahren vorliegt: Die Glaukomprävalenz steigt mit dem Alter deutlich an — auf etwa 3–4 % bei über 70-Jährigen. Ab diesem Alter ist eine regelmäßige Untersuchung auf individueller Basis sinnvoll diskutierbar, auch ohne weitere Risikofaktoren.
Wenn Begleitererkrankungen vorliegen: Diabetes mellitus, ausgeprägte Kurzsichtigkeit (Myopie über -6 Dioptrien) sowie langfristige Kortikosteroid-Therapie (z.B. Asthma- oder Rheuma-Behandlung) gelten als etablierte Risikofaktoren für Glaukom. Patienten mit diesen Erkrankungen sollten aktiv auf die Möglichkeit der augenärztlichen Kontrolle hingewiesen werden.
Die entscheidende Botschaft: Eine sinnvolle Früherkennung umfasst immer mehr als die isolierte Augendruckmessung. Sie schließt Papillenbeurteilung, OCT und Gesichtsfeldtestung ein.
Was Sie Ihren Arzt fragen sollten
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„Habe ich Risikofaktoren für ein Glaukom — und rechtfertigen diese eine regelmäßige Früherkennungsuntersuchung?” Diese Frage hilft, die IGeL-Leistung individuell zu bewerten statt pauschal zu kaufen oder abzulehnen. Ohne konkrete Risikofaktoren ist der Nutzen nicht belegt.
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„Umfasst die angebotene Untersuchung nur die Augendruckmessung oder auch Papillenbeurteilung, OCT und Gesichtsfeldtestung?” Studien belegen, dass die Druckmessung allein bis zu 40 % der Glaukome (Normaldruckglaukome) übersieht. Eine vollständige Untersuchung ist deutlich aussagekräftiger.
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„Warum übernimmt die GKV diese Leistung nicht — und was bedeutet das für die Evidenzlage?” Die gesetzliche Krankenversicherung erstattet nur Leistungen mit belegtem Nutzen in der Allgemeinbevölkerung. Für ein generelles Glaukomscreening fehlt dieser Beleg bisher. Das heißt nicht, dass die Untersuchung für Risikopatienten sinnlos ist — aber die Frage ist berechtigt.
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„Wie hoch ist mein persönliches Risiko konkret, in den nächsten 10 Jahren ein Glaukom zu entwickeln?” Diese Frage zwingt zur Quantifizierung statt zu vager Aufklärung. Ohne bekannte Familienanamnese und unter 60 Jahren liegt das Risiko unter 1–2 %.
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„Was würde passieren, wenn ich auf die Früherkennungsuntersuchung verzichte und erst bei Symptomen komme?” Das Glaukom verläuft in frühen Stadien symptomlos. Erst wenn mehr als 40 % der Sehnervenfasern zerstört sind, bemerken Patienten Gesichtsfeldausfälle. Bis dahin sind Schäden irreversibel. Diese Abwägung ist Teil der informierten Entscheidung.
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„Wenn bei mir erhöhter Augendruck festgestellt wird: Welche Behandlungsoptionen hätte ich, und wie gut ist deren Nutzen belegt?” Der LiGHT-RCT und der Cochrane-Review zur Lasertrabekuloplastik zeigen, dass früh erkannte okuläre Hypertension gut behandelbar ist — diese Perspektive gehört zur vollständigen Beratung.
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„Wie oft und in welchem Intervall sollte ich bei meinem Risikoprofil zur Kontrolle kommen?” Leitlinien empfehlen bei erhöhtem Druck oder Familienanamnese Kontrollen alle 1–2 Jahre. Häufigere Termine ohne klare Indikation erhöhen die Kosten, nicht den Nutzen.