Eine Cortisonspritze kann einen echten Tennisellenbogen für wenige Wochen deutlich beruhigen. Den weiteren Verlauf verbessert sie aber nicht zuverlässig. In mehreren randomisierten Vergleichen war der frühe Vorteil nach einigen Monaten verschwunden oder ins Gegenteil gekippt. Rückfälle traten nach Cortison häufiger auf.
Besonders deutlich zeigte das eine placebokontrollierte Studie mit chronischen Beschwerden: Nach einem Jahr berichteten 83 von 100 Menschen nach Cortison eine weitgehende Erholung, gegenüber 96 von 100 nach einer Kochsalzspritze. Als Rückfall galt eine frühe Besserung, die später nicht anhielt; das betraf 54 von 100 nach Cortison und 12 von 100 nach Placebo. Das ist kein Beleg dafür, dass jede Spritze schadet. Es zeigt aber: Schnelle Schmerzlinderung und nachhaltige Heilung sind zwei verschiedene Ziele.
Was Patienten glauben — und was die Studien zeigen
Die naheliegende Annahme: Weniger Schmerz bedeutet Heilung
Viele Betroffene denken: Wenn die Spritze den Schmerz rasch ausschaltet, muss die Ursache behandelt sein. Genau das ist beim Tennisellenbogen nicht belegt. Der medizinische Name lautet laterale Ellenbogentendinopathie (schmerzhafte Veränderung des Sehnenansatzes an der Außenseite des Ellenbogens). Diese Sehne verbindet Unterarmmuskeln, die Hand und Finger strecken, mit dem Oberarmknochen.
Die Beschwerden passen typischerweise, wenn Druck auf die äußere Knochenkante wehtut und Greifen, Tragen oder das Strecken des Handgelenks den bekannten Schmerz auslöst. Trotz des älteren Namens „Entzündung“ handelt es sich meist nicht einfach um eine akute Entzündung. Wiederholte Belastung, Veränderungen der Sehnenstruktur, gestörte Muskelsteuerung und eine empfindlichere Schmerzverarbeitung können zusammenwirken. Cortison bremst Entzündungssignale und kann dadurch Schmerzen dämpfen. Eine veränderte Sehnenstruktur repariert es damit jedoch nicht nachweislich.
Das erklärt den Kernkonflikt: Der Schmerz kann rasch nachlassen, obwohl Belastbarkeit und langfristiger Verlauf nicht besser werden. Wer nur den nächsten Termin betrachtet, sieht einen Erfolg. Wer Monate später erneut fragt, kann zu einem anderen Ergebnis kommen.
Kurzfristig: Der Vorteil ist real
Der kurzfristige Nutzen sollte nicht kleingeredet werden. In randomisierten Untersuchungen waren Cortisonspritzen nach wenigen Wochen häufig wirksamer als Abwarten, Physiotherapie oder eine Placeboinjektion. Eine ältere große Untersuchung meldete nach sechs Wochen bei 92 von 100 Behandelten einen Erfolg nach der Spritze. Bei Physiotherapie waren es 47 von 100, beim Abwarten 32 von 100.
Untersucht wurden Beschwerden von mindestens sechs Wochen Dauer. Nach sechs Wochen lagen die Erfolgsraten bei 92 Prozent nach Cortison, 47 Prozent nach Physiotherapie und 32 Prozent beim Abwarten. Nach 52 Wochen hatte sich das Bild gedreht: 69 Prozent nach Cortison, 91 Prozent nach Physiotherapie und 83 Prozent beim Abwarten berichteten Erfolg. Weil sich die Verfahren stark unterscheiden, konnten Behandelnde und Teilnehmende nicht vollständig verblindet werden.
Ein schneller Effekt kann für Betroffene sehr überzeugend sein. Er beantwortet aber nur die Frage: „Wie geht es mir in wenigen Wochen?“ Er beantwortet nicht: „Wie wahrscheinlich ist eine stabile Besserung in einem halben oder ganzen Jahr?“
Mittelfristig: Zwischen Woche zwölf und sechs Monaten kippt das Bild
Nach der frühen Phase verschwindet der Vorsprung. Eine systematische Übersicht definierte die mittlere Frist als 13 bis 26 Wochen. Für seitliche Ellenbogenschmerzen war in dieser Zeit keine Behandlung günstiger als Cortison; der anfängliche Effekt hatte sich also umgekehrt. Eine weitere Übersicht fand zwischen sechs Wochen und sechs Monaten keinen statistisch oder klinisch wichtigen Vorteil der Spritze.
Die Beschwerden bestanden erst seit zwei Wochen bis drei Monaten. Verglichen wurden Physiotherapie plus zwei Cortisonspritzen, dieselbe Physiotherapie plus zwei Kochsalzspritzen und Abwarten; alle Gruppen erhielten anfangs dasselbe Schmerzmittel. Nach sechs Wochen war Cortison plus Physiotherapie günstiger als Abwarten. Nach zwölf Wochen gab es keinen klaren Unterschied, nach 26 Wochen waren die Erfolgsaussichten in der Cortisongruppe geringer. Nach 52 Wochen bestand wieder kein statistisch gesicherter Unterschied. 157 Personen beendeten die Studie.
Diese Untersuchung darf nicht mit Studien zu länger bestehenden Beschwerden vermischt werden. Sie prüfte ein anderes Krankheitsstadium, zwei Injektionen und eine Begleitbehandlung. Dennoch zeigt sie dasselbe zeitliche Muster: Ein früher Vorteil ist kein verlässlicher Wegweiser für den Verlauf nach Monaten.
Langfristig: Erholung bleibt häufig, nach Cortison aber nicht häufiger
Viele Menschen bessern sich im Laufe eines Jahres, unabhängig von der zunächst gewählten Behandlung. Das ist beruhigend. Es macht Vergleiche aber anspruchsvoll: Wenn man nur fragt, ob es „irgendwann besser“ wurde, kann der natürliche Verlauf wie ein Behandlungseffekt aussehen.
Alle Teilnehmenden hatten einseitige Beschwerden seit mehr als sechs Wochen. Eine Cortison- oder Kochsalzspritze wurde mit und ohne achtwöchige Physiotherapie verglichen. Nach 26 Wochen berichteten 55 Prozent nach Cortison und 85 Prozent nach Placebo eine vollständige oder deutliche Besserung. Nach einem Jahr waren es 83 gegenüber 96 Prozent. Rückfälle, definiert als frühe Besserung ohne anhaltenden Erfolg, traten bei 54 gegenüber 12 Prozent auf. Die Untersuchung fand an einem Forschungszentrum und in Praxen einer australischen Stadt statt; das begrenzt die Übertragbarkeit.
Eine zweite australische Studie stützt das Rückfallproblem, verwendet aber eine andere Definition und einen anderen Vergleich. Von 65 Menschen, die nach Cortison zunächst erfolgreich behandelt schienen, verschlechterten sich 47 später wieder. Diese Zahl darf nicht mit den 54 Prozent aus der placebokontrollierten Studie zusammengerechnet werden. Sie beschreibt eine andere Stichprobe und einen anderen Studienablauf.
Teilnehmende zwischen 18 und 65 Jahren hatten seit mindestens sechs Wochen einen klinisch diagnostizierten Tennisellenbogen. Verglichen wurden Physiotherapie, Cortisonspritzen und Abwarten. Cortison war nach sechs Wochen überlegen. Danach fielen 47 von 65 zunächst erfolgreichen Verläufen zurück, und die langfristigen Ergebnisse waren schlechter als nach Physiotherapie. Weil keine Placebospritze verwendet wurde, lassen sich Behandlungseffekt und Erwartung in diesem Vergleich nicht vollständig trennen.
Die beste Gesamtschau passt dazu. Eine systematische Auswertung hochwertiger randomisierter Untersuchungen fand kurzfristig weniger Schmerzen durch Cortison, mittel- und langfristig jedoch eine Umkehr dieses Vorteils. Eine Netzwerk-Metaanalyse kam für die Zeit jenseits von acht Wochen zu keinem Vorteil gegenüber Placebo. Zugleich waren nur wenige der eingeschlossenen Studien methodisch wirklich robust. Wie groß ein möglicher späterer Nachteil genau ist, bleibt deshalb unsicher. Die Richtung des Zeitverlaufs ist dagegen über mehrere Untersuchungen auffällig ähnlich.
Warum Rückfälle nach einer Spritze häufiger sein können
Die Studien beweisen nicht sicher, warum Rückfälle entstehen. Plausibel ist ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Eine schnelle Schmerzdämpfung kann den Eindruck vermitteln, die Sehne sei wieder voll belastbar. Gleichzeitig schwankt der natürliche Verlauf: Viele Menschen suchen gerade dann Hilfe, wenn die Beschwerden besonders stark sind. Danach wird es oft ohnehin etwas besser. Diese Rückkehr vom schlechten Tag in Richtung des üblichen Zustands heißt Regression zur Mitte.
Auch Erwartungen spielen mit. Eine Injektion wirkt wie eine starke, gezielte Handlung. Eine Kochsalzspritze kann deshalb ebenfalls Beschwerden verändern. Placebokontrollierte Studien sind hier besonders wichtig: Sie trennen die Wirkung des Arzneimittels besser von Erwartung, Zuwendung und natürlichem Verlauf. Warum Cortison in einigen Untersuchungen später schlechter abschnitt, lässt sich aus den klinischen Ergebnissen allein jedoch nicht auf einen einzigen biologischen Mechanismus zurückführen.
Risiken: Meist lokal, aber nicht bedeutungslos
In der placebokontrollierten Untersuchung wurden unerwünschte Wirkungen gezielt erfasst. Nach Cortison traten ausschließlich in dieser Gruppe verzögert Hautaufhellungen und ein Schwund des Unterhautfetts an der Einstichstelle auf. Die beobachteten Veränderungen waren bis Woche 26 wieder verschwunden. Schmerzen nach der Injektion kamen auch nach Placebo vor. Die Studie war nicht groß genug, um seltene schwere Schäden zuverlässig auszuschließen.
Über verschiedene Sehnenprobleme hinweg linderten Cortisonspritzen Schmerzen kurzfristig. Mittel- und langfristig kehrte sich der Vorteil um. In Studien mit gemeldeten Nebenwirkungen trat unter 991 mit Cortison behandelten Personen ein Sehnenriss auf. Diese Zahl stammt aus unterschiedlichen Körperregionen und ist daher keine Schätzung des Risikos speziell am Tennisellenbogen.
Das Risiko hängt außerdem vom Menschen und vom genauen Verfahren ab. Aus diesen Studien lässt sich keine persönliche Dosis, Spritztechnik oder sichere Zahl von Wiederholungen ableiten. Genau solche individuellen Anweisungen wären ohne Untersuchung unseriös.
Nicht jeder Schmerz außen am Ellenbogen ist ein Tennisellenbogen
Die Diagnose beruht vor allem auf Gespräch und Untersuchung. Ähnliche Schmerzen können aus dem Nacken kommen oder durch gereizte beziehungsweise eingeengte Nerven entstehen. Auch Gelenkprobleme, Instabilität oder Folgen einer Verletzung können dahinterstecken. Taubheit, Kribbeln oder ein klarer Kraftverlust passen nicht gut zu einem isolierten Sehnenansatzproblem und verlangen eine erneute Prüfung.
Nach einem Unfall mit Fehlstellung oder deutlicher Schwellung ist rasche Hilfe nötig. Das gilt auch bei einem roten, überwärmten oder stark geschwollenen Gelenk, besonders zusammen mit Fieber. Zunehmende Schwellung, starke oder rasch zunehmende Schmerzen, neue Lähmungszeichen und andere neurologische Symptome dürfen nicht als „nur Tennisarm“ abgetan werden. Fehlt trotz angemessener Zeit eine Besserung, sollte die Diagnose ebenfalls überprüft werden.
Eine Bildgebung ist für einen typischen Verlauf nicht automatisch nötig. Sie kann sinnvoll werden, wenn die Beschwerden untypisch sind, nach einer Verletzung begonnen haben oder trotz längerer Behandlung anhalten. Ein auffälliges Bild allein beweist jedoch nicht, dass genau dieser Befund den Schmerz verursacht.
Wann ist es doch sinnvoll?
Wenn kurzfristige Linderung das ausdrücklich begrenzte Ziel ist
Wenn nach gesicherter Diagnose allein eine kurzfristige Schmerzlinderung besprochen wird, kann die Spritze als zeitlich begrenzte Option zur Sprache kommen. Dann muss klar sein: Der frühe Nutzen ist belegt, ein nachhaltiger Vorteil nicht. Ebenso gehören die in Studien beobachteten Rückfälle und lokalen Hautveränderungen in das Gespräch. Das ist keine allgemeine Empfehlung für eine Spritze, sondern eine Abwägung zwischen einem schnellen möglichen Gewinn und ungünstigeren Ergebnissen in späteren Monaten.
Eine solche Entscheidung lässt sich nicht aus dem Schmerzgrad allein ableiten. Berufliche Anforderungen, andere Erkrankungen, bisheriger Verlauf und die richtige Diagnose verändern die Abwägung. Die Studien liefern dafür Durchschnittswerte, keine persönliche Vorhersage.
Wenn Alternativen nüchtern eingeordnet werden
Abwarten mit Beobachtung ist kein Nichtstun: Es nutzt die oft günstige natürliche Entwicklung und vermeidet eingriffsbedingte Risiken. Belastungen können im Rahmen einer fachlichen Beurteilung angepasst werden. Dieser Artikel kann jedoch weder ein persönliches Trainingsprogramm noch Sport- oder Arbeitsfreigaben geben.
Physiotherapie und Übungen sind vernünftige Gesprächsoptionen, vor allem wenn Funktion, Belastbarkeit und ein schrittweiser Umgang mit Beschwerden im Mittelpunkt stehen. Ihr zusätzlicher Durchschnittsnutzen ist aber nicht durchgehend groß. Eine kanadische evidenzbasierte Stellungnahme fand für übungsbasierte Physiotherapie bei Schmerz und Funktion ähnliche Ergebnisse wie ohne aktive Behandlung. Das widerspricht nicht zwingend den älteren Einzelstudien: Unter dem Sammelbegriff Physiotherapie stecken sehr verschiedene Programme, Zeitpunkte und Vergleiche.
Andere Injektionen sind kein automatisch besserer Ersatz. Dieselbe Stellungnahme bewertete Cortison, plättchenreiches Plasma und Eigenblut bei Schmerz und Funktion insgesamt ähnlich wie Placebo. Eine ältere Netzwerk-Metaanalyse sah für einige Injektionen mögliche Vorteile, betonte aber, dass nur wenige Studien ein niedriges Verzerrungsrisiko hatten. Unterschiede zwischen Übersichten entstehen also auch durch die Auswahl der Studien, die Vergleichsgruppen, die Messzeitpunkte und die Qualitätsanforderungen. Für ein pauschales Versprechen reicht das nicht.
Wenn Warnzeichen oder Zweifel die Entscheidung verändern
Wenn eine Verletzung, Fehlstellung, zunehmende Schwellung, Rötung, Überwärmung, Fieber oder sehr starke Schmerzen vorliegen, geht es nicht um die Wahl zwischen Spritze und Abwarten. Dann muss eine andere oder dringliche Ursache ausgeschlossen werden. Bei neuem Kraftverlust, Taubheit, Kribbeln oder ausstrahlenden Beschwerden ist eine Nervenbeteiligung möglich und eine zeitnahe Untersuchung angezeigt.
Wenn die Beschwerden ohne Warnzeichen nicht besser werden, ist die Situation meist planbar, aber nicht beliebig aufzuschieben. Dann sollte geprüft werden, ob die Diagnose stimmt, ob Belastungen den Verlauf aufrechterhalten und ob weitere Untersuchungen nötig sind. Eine Spritze sollte eine unklare Diagnose nicht verdecken.
Eine Cortisonspritze kann den Schmerz eines Tennisellenbogens schnell leiser stellen. Das bedeutet aber nicht, dass die Sehne geheilt ist. In guten Studien ging es Menschen nach wenigen Wochen oft besser, nach einigen Monaten jedoch nicht mehr — und Rückfälle waren nach Cortison häufiger. Wer die Spritze erwägt, sollte deshalb nicht nur fragen, wie es nächste Woche aussieht, sondern auch, was nach einem halben und nach einem ganzen Jahr zu erwarten ist. Bei Taubheit, Kraftverlust, Fieber, deutlicher Schwellung, Fehlstellung oder stark zunehmenden Schmerzen braucht es zuerst eine neue Diagnose.
Was Sie Ihren Arzt fragen sollten
- „Passt mein Schmerz überhaupt zu einem Tennisellenbogen?“ Typisch sind Druckschmerz außen am Ellenbogen und Schmerzen beim Greifen oder Anheben; Taubheit, deutlicher Kraftverlust oder Beschwerden aus dem Nacken sprechen für andere mögliche Ursachen.
- „Welches Ziel hätte eine Cortisonspritze in meinem Fall?“ Die Spritze kann Schmerzen kurzfristig dämpfen, repariert die überlastete Sehne aber nicht nachweislich und verbessert die Aussichten nach Monaten nicht zuverlässig.
- „Wie groß sind kurzfristiger Nutzen und späteres Rückfallrisiko?“ Die passende Antwort muss Zeitraum und Vergleich nennen: In Studien war der Vorteil nach wenigen Wochen groß, nach Monaten verschwunden oder umgekehrt, und Rückfälle waren teils deutlich häufiger.
- „Welche Risiken und Vorerkrankungen müssen wir vor einer Spritze besprechen?“ Zu besprechen sind unter anderem vorübergehende Schmerzen sowie mögliche Hautaufhellung und Schwund des Unterhautfetts; persönliche Risiken gehören in ärztliche Hände.
- „Welche Alternativen kommen infrage, und wie sicher ist deren Nutzen belegt?“ Abwarten, angepasste Belastung und Physiotherapie sind mögliche Wege, doch auch für Übungen und andere Spritzen ist der zusätzliche Nutzen gegenüber keiner aktiven Behandlung oder Placebo begrenzt.
- „Wann sollte die Diagnose neu geprüft oder weiter untersucht werden?“ Eine erneute Untersuchung ist nötig bei Warnzeichen, untypischen Beschwerden, zunehmenden Problemen oder fehlender Besserung, weil nicht jeder äußere Ellenbogenschmerz ein Tennisellenbogen ist.