Täglich Aspirin schlucken, um einen Herzinfarkt zu verhindern — dieser Rat war jahrzehntelang weit verbreitet. Die Evidenz zeigt heute das Gegenteil: Bei gesunden Erwachsenen ohne vorbestehende Herzerkrankung überwiegt das Blutungsrisiko durch tägliches Aspirin den kardiovaskulären Nutzen klar.
Die ASPREE-Studie (McNeil et al. 2018), die größte randomisierte Studie zur Aspirin-Primärprävention bei Älteren, untersuchte über 19.000 gesunde Erwachsene ab 70 Jahren. Ergebnis: Aspirin 100 mg täglich verhinderte weder Herzinfarkte noch Schlaganfälle signifikant — führte aber zu deutlich mehr schweren Blutungen. Noch alarmierender: Die Gesamtsterblichkeit war in der Aspirin-Gruppe höher, überwiegend bedingt durch mehr krebsbedingte Todesfälle. Eine routinemäßige Primärprävention mit Aspirin bei Gesunden ist damit nicht evidenzbasiert.
Was Patienten glauben — und was die Studien zeigen
Die verbreitete Annahme
„Aspirin verdünnt das Blut und schützt mein Herz — das empfehlen Ärzte schon seit Jahrzehnten.” Diese Überzeugung ist tief verwurzelt. Viele gesunde Erwachsene, besonders ab dem 60. Lebensjahr, nehmen täglich eine niedrig dosierte Aspirin-Tablette (Thrombozytenaggregationshemmer, d. h. ein Medikament, das verhindert, dass Blutplättchen verklumpen und Gerinnsel bilden) — ohne jemals einen Herzinfarkt oder Schlaganfall gehabt zu haben. Ärzte haben dieses Vorgehen jahrzehntelang gefördert. Die Logik schien einleuchtend: Aspirin hilft nach einem Herzinfarkt (Sekundärprävention), also hilft es sicher auch vorher.
Dieser Schluss war falsch.
Was die Forschung zeigt: Kein Nutzen, aber messbarer Schaden
Die ASPREE-Studie (Aspirin in Reducing Events in the Elderly) war ein doppelblinder, placebokontrollierter Versuch an gesunden Erwachsenen ab 70 Jahren (in den USA ab 65 Jahren für Schwarze und Hispanics) ohne Herzerkrankung, Demenz oder schwere Pflegebedürftigkeit. Die Teilnehmer erhielten entweder 100 mg Aspirin täglich oder Placebo. Der kombinierte primäre Endpunkt — Tod, Demenz oder dauerhafte körperliche Behinderung — unterschied sich zwischen den Gruppen nicht signifikant. Kardiovaskuläre Ereignisse wurden durch Aspirin ebenfalls nicht reduziert. Das Risiko klinisch relevanter Blutungen (vor allem im Magen-Darm-Trakt) war in der Aspirin-Gruppe hingegen deutlich erhöht: 3,8 % vs. 2,8 % in der Placebo-Gruppe — ein Anstieg um 38 %.
Eine gleichzeitig veröffentlichte Auswertung derselben ASPREE-Population untersuchte die Gesamtsterblichkeit. Das Ergebnis war beunruhigend: In der Aspirin-Gruppe starben 5,9 % der Teilnehmer, in der Placebo-Gruppe 5,2 %. Die Sterblichkeitsrate war in der Aspirin-Gruppe damit um 14 % höher (Hazard Ratio 1,14). Der Überschuss war überwiegend auf krebsbedingte Todesfälle zurückzuführen — ein Befund, der die Forschungsgemeinschaft überraschte und bis heute diskutiert wird. Ob Aspirin tatsächlich Krebswachstum fördert oder ob es sich um einen Zufallsbefund handelt, ist noch nicht abschließend geklärt. Aber klar ist: Ein Überlebensvorteil ist bei Gesunden nicht nachweisbar.
Eine Sekundäranalyse der ASPREE-Daten untersuchte speziell den Effekt auf zerebrovaskuläre Ereignisse (Erkrankungen der Blutgefäße im Gehirn). Aspirin reduzierte ischämische Schlaganfälle (durch Blutgerinnsel verursachte Schlaganfälle) nicht signifikant. Gleichzeitig erhöhte es das Risiko intrazerebraler Blutungen (Einblutungen in das Hirngewebe) — eine besonders gefährliche Komplikation mit hoher Sterblichkeit und dauerhafter Behinderung. Das Ergebnis widerspricht direkt dem intuitiven Verständnis, dass ein blutverdünnendes Mittel Schlaganfälle verhindert: Es verhindert die eine Art, verschlimmert aber die andere.
Diese große randomisierte Studie gab gesunden Frauen ab 45 Jahren entweder 100 mg Aspirin jeden zweiten Tag oder Placebo. Aspirin senkte das Risiko für ischämische Schlaganfälle um 24 % — ein signifikanter Befund. Herzinfarkte hingegen wurden nicht signifikant reduziert (Risikoreduzierung 2 %, nicht signifikant). Gastrointestinale Blutungen (Magen-Darm-Blutungen) nahmen in der Aspirin-Gruppe um 40 % zu. Bei Frauen unter 65 Jahren war der Nettonutzen minimal bis negativ; bei Frauen über 65 Jahren zeigte sich tendenziell ein günstigeres Bild. Das zeigt: Geschlecht und Alter verändern das Nutzen-Risiko-Verhältnis erheblich.
Patienten mit chronischer Nierenerkrankung (eingeschränkte Nierenfunktion) haben ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko — und gelten daher als potenzielle Kandidaten für eine Aspirin-Prävention. Diese Subgruppenanalyse der ASPREE-Studie untersuchte ältere Erwachsene mit chronischer Nierenerkrankung gesondert. Ergebnis: Auch in dieser Hochrisikogruppe verbesserte Aspirin die kardiovaskulären Outcomes nicht, während das Blutungsrisiko weiterhin erhöht blieb. Selbst ein erhöhtes kardiovaskuläres Ausgangsrisiko durch Nierenerkrankung reichte nicht aus, um den Nutzen über den Schaden zu heben.
Diese Studie entwickelte ein individualisiertes Vorhersagemodell auf Basis der Women’s Health Study-Daten. Es berechnete für einzelne Frauen den Nettonutzen von Aspirin unter Berücksichtigung von kardiovaskulärem Risiko, Krebsrisiko und Blutungsrisiko. Das zentrale Ergebnis: Nur Frauen mit einem deutlich erhöhten kardiovaskulären Ausgangsrisiko hatten einen positiven Nettonutzen — der überwiegende Teil gesunder Frauen profitierte nicht. Das Modell zeigt, dass pauschale Empfehlungen für Aspirin nicht evidenzbasiert sind: Die Frage „Für wen lohnt es sich?” erfordert eine individuelle Risikoeinschätzung.
Warum glauben trotzdem so viele, dass es hilft?
Mehrere Faktoren erklären die verbreitete Fehlvorstellung:
Erfolgreiche Sekundärprävention: Aspirin ist nach einem Herzinfarkt tatsächlich wirksam — es reduziert das Risiko eines erneuten Ereignisses nachweislich. Dieser gut belegte Nutzen wurde jahrzehntelang unkritisch auf gesunde Menschen übertragen. Die Logik „wirkt nach einem Infarkt → wirkt also auch vorher” ist medizinisch nicht haltbar.
Alte Studiendaten: Frühere Studien, die einen Nutzen nahelegten, waren methodisch schwächer, betrafen andere Populationen (vor allem Männer unter 70 Jahren) oder hatten andere Endpunkte. Die heutige Datenlage ist deutlich differenzierter.
Industrieinteressen und Gewohnheit: Aspirin ist ein billiges, rezeptfreies Medikament. Arztempfehlungen, die seit Jahrzehnten eingeschliffen sind, ändern sich langsam — auch wenn die Evidenz sich gewandelt hat.
Placebo-Effekt: Wer täglich eine Tablette nimmt, fühlt sich „geschützt”. Dieses Sicherheitsgefühl ist real, aber nicht evidenzbasiert.
Wann ist es doch sinnvoll?
Aspirin hat klare, gut belegte Anwendungsgebiete — aber keine davon betrifft gesunde Menschen ohne Vorerkrankung.
Sekundärprävention nach Herzinfarkt oder Schlaganfall: Wenn jemand bereits einen Herzinfarkt, ischämischen Schlaganfall oder eine periphere arterielle Verschlusskrankheit (Durchblutungsstörung der Beine) hatte, ist Aspirin als Thrombozytenaggregationshemmer klar indiziert. Hier ist der Nutzen durch umfangreiche Evidenz belegt und überwiegt das Blutungsrisiko.
Akuter Herzinfarkt: Bei einem akuten Herzinfarkt ist die sofortige Gabe von Aspirin (in der Regel 300–500 mg) eine lebensrettende Notfallmaßnahme. Das ist keine Primärprävention, sondern Akutbehandlung.
Erhöhtes kardiovaskuläres Risiko nach individueller Abwägung: Die Daten von van Kruijsdijk et al. (2015) zeigen, dass Personen mit einem deutlich erhöhten kardiovaskulären Risikoprofil — z. B. langjährige Hypertonie, stark erhöhte Blutfette, Diabetes und gleichzeitig Raucherstatus — möglicherweise einen positiven Nettonutzen haben können. Diese Abwägung muss individuell und explizit erfolgen, nicht als Routineempfehlung.
Ein unerwarteter Nebenbefund: Diabetes-Risiko: Die Post-hoc-Analyse von Zoungas et al. (2024) aus der ASPREE-Kohorte deutete an, dass tägliches Aspirin das Risiko für Typ-2-Diabetes bei älteren Gesunden möglicherweise leicht senkt. Dieser Befund ist jedoch aus einer nachträglichen Analyse stammend und noch nicht als Grundlage für Behandlungsempfehlungen geeignet — er bedarf prospektiver Bestätigung.
Was nicht sinnvoll ist: Eine prophylaktische Aspirin-Einnahme allein aufgrund des Alters, des Wunsches „etwas für das Herz zu tun” oder einer Familiengeschichte mit Herzerkrankungen — ohne eigenständige kardiovaskuläre Vorerkrankung — ist durch keine aktuelle Studie gestützt.
Was Sie Ihren Arzt fragen sollten
-
„Sollte ich täglich Aspirin nehmen, wenn ich noch keinen Herzinfarkt hatte?” Die ASPREE-Studie zeigte klar: Bei gesunden Älteren ohne Herzerkrankung bringt Aspirin keinen nachweisbaren Schutz, erhöht aber das Blutungsrisiko. Fragen Sie konkret, ob Ihre Situation eine Ausnahme darstellt — und welche Evidenz dafür spricht.
-
„Wie hoch ist mein persönliches kardiovaskuläres Risiko — und ab welchem Wert würde Aspirin für mich Sinn ergeben?” Individuelle Risikomodelle zeigen, dass Aspirin in der Primärprävention nur bei wirklich erhöhtem Ausgangsrisiko einen positiven Nettonutzen hat. Bitten Sie Ihren Arzt, Ihr Risiko konkret zu berechnen, z. B. mit einem validierten Score.
-
„Welche Blutungsrisiken habe ich bei täglichem Aspirin — und wie kann man sie einschätzen?” Gastrointestinale Blutungen und intrazerebrale Blutungen sind ernsthafte Komplikationen. Cloud et al. (2023) belegten ein erhöhtes Risiko für Hirnblutungen ohne Schlaganfall-Schutz. Fragen Sie, ob Ihr persönliches Blutungsrisiko in die Entscheidung einbezogen wird.
-
„Macht mein Geschlecht einen Unterschied bei der Aspirin-Entscheidung?” Ja. Die Women’s Health Study zeigte, dass Aspirin bei Frauen Schlaganfälle reduziert, aber nicht Herzinfarkte — bei erhöhtem Magenblutungsrisiko. Männer und Frauen haben ein unterschiedliches Nutzenprofil, das bei der Entscheidung berücksichtigt werden sollte.
-
„Ich bin über 70 — gibt es Studien, die speziell für mein Alter gelten?” Ja: ASPREE wurde genau für diese Altersgruppe durchgeführt und zeigt keinen Nutzen bei erhöhtem Schaden. Bestehen Sie darauf, dass Ihre Altersgruppe in der Evidenz explizit berücksichtigt wird.
-
„Nehme ich Aspirin aktuell — und sollte ich es absetzen?” Wenn Sie Aspirin bisher ohne klare kardiologische Indikation eingenommen haben, lohnt sich eine Überprüfung. Das Absetzen sollte jedoch nicht eigenständig erfolgen, da es in manchen Situationen (z. B. Stents) zu Risiken führen kann.
-
„Gibt es neuere Leitlinien, die diese Entscheidung regeln?” Aktuelle US-amerikanische Leitlinien (USPSTF 2022) raten von einer routinemäßigen Aspirin-Primärprävention bei Personen ab 60 Jahren explizit ab. Fragen Sie, ob Ihr Arzt diese Empfehlung kennt und einbezieht.